Das Prinzip Widerspruch in der Islamischen Philosophie
Leseprobe

Das Prinzip Widerspruch
Das Prinzip vom Widerspruch, dem Zusammenstoss und dem Kampf der Gegensätze gehört zu den feststehenden Prinzipien dieser Welt. Schon rein oberflächliche Betrachtungen bringen seine Bedeutung deutlich zu Tage, während wissenschaftliche und philosophische Studien in seinen tieferen Sinn vordringen und es mehr und mehr erfassen.

Unsere Welt ist eine Welt des Aufeinanderprallens, des Rufbauens und Zerstörens, eine Welt des Ver und Entbindens, eine Welt des Gebärens und Tötens. Das Gute und das Böse, das Sein und das Nicht Sein umarmen sich in dieser Welt. Wie drum einer der größten iranische Dichter, Sa'di (1184 - 1292 n. Chr.) sagt:
Schätze und Schlangen, Blumen und Dornen, Kummer und Freuden sind vermengt.

Immer sieht man zwei gegensätzliche und widersprüchliche Tendenzen nebeneinander. Daher kommt es, dass manche diese Welt nicht als die ideale und bestmögliche ansehen. Sie wünschen sich, die Welt wäre anders, sie bestünde nur aus Gutem und Leichtem, Leben und Gesundheit, Freude und Ruhe. Sie wünschen sich: das Böse und das Dunkel, Tod und Krankheit, Unruhe und Kummer existierten nicht. Sie staunen, warum Gott die Welt nicht so erschaffen hat, wie deren Bild in ihrer Phantasie produziert wird, wie es ihr schlichtes Bewusstsein entwirft! Deshalb sind sie verwirrt.

Dieser Gedanke ist der Vorvater des Dualismus. Gäbe es, dieser Denkweise nach, nur EINEN Ursprung für und herrschte nur EIN Gesetz über die Welt, so gäbe es auch keine Widersprüche und keine gegensätzlichen Tendenzen. Widerspruch und Zusammenstoss, Grundlage der Entwicklung

Der Gegenpol zu dieser Denkweise ist der, dass das Böse und das Nichts relative Dinge, Stufen des Guten und der Entwicklung sind. Das Böse Sein des Bösen ist oberflächlich und äußerlich. Der Widerspruch bzw. der Zusammenstoss ist die Grundlage, zumindest die Bedingung, jedes Fortschrittes, Höherstrebens und jeder Entwicklung. Schönheit, Aufblühen, Erhabenheit, Vollkommenheit, Streben und Bewegung sind sämtlich Zeugungen der Gegensätzlichkeiten, Disharmonien und NichtÜbereinstimmungen. Harmonie und Übereinstimmung zeugen Ruhe und Unbeweglichkeit und diese ziehen Tod und vollständige Vernichtung nach sich.

Das Sortieren und Trennen der Dinge in zwei unterschiedliche Reihen, deren Aufteilung in zwei verschiedene Gruppen, um dann die eine "gut" und "erhaben" und die andere "böse" und "abträglich" zu nennen und schließlich jede Gruppe einem selbständigen Zentrum, einem anderen Ursprung, zuzuschreiben, ist das Äußerste an Oberflächlichkeit. Alle Dinge, seien sie mit dem Prädikat "gut" oder "böse" betitelt, sind im selben Masse an der "idealen Ordnung" der Welt wirksam und haben gleichermaßen teil an der ästhetischen" Weltordnung. Sie entspringen demselben Zentrum und derselben Urquelle, sie alle sind Äußerung und ein Aufscheinen desselben unsichtbaren Geliebten, weshalb ein iranischer Dichter sagt:
Lachen erzählt von seiner Zuwendung, Weinen klagt über seine Abwendung.
Diese beiden Botschaften in dieser Welt deuten auf denselben Geliebten hin.

Institut für Human- und Islamwissenschaften.

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