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Interkulturelle Philosophie und Iran

Dr. M. Razavi Rad  

 

Der nachfolgende Text ist ein Interview einer Fachzeitschrift mit Herrn Dr. Razavi Rad, das im Sommer 2005 geführt wurde. In Anbetracht der im Interview vorhandenen neuen Ansichten, wird es dem interessierten Publikum zur Verfügung gestellt:

 

Frage: In diesen Tagen wird über die Interkulturelle Philosophie im Iran diskutiert; es stellten sich einige Übereinstimmungen sowie Diskrepanzen heraus. Wir hätten gerne etwas darüber von Ihnen gehört.

Mohamad Razavi Rad: Die Geschichte der menschlichen Gesellschaften zeigt uns, dass jedes neue Denken und jede neue Idee fast “natürlich“ auf den Widerstand und gar Gegnerschaften stößt. Da die Interkulturelle Philosophie in der Welt und vor allem im Iran neu ist, macht sie hierbei überhaupt keine Ausnahme. Das Studium der kulturellen Konstanten und Stadien unserer Gesellschaft zeigt uns, wenn sie auch mit den “Anderen“ sowie mit den fremden Kulturen nichts zu tun haben will, wollen diese sich sehr wohl mit ihr auseinandersetzen, (auch) aufgrund der höheren Ziele und Ideale, die sich unsere Gesellschaft gesteckt hat.

Das realistische Studium der kulturellen, denkerischen Umwälzungen der Welt ist unvermeidlich, deren kulturellen Grenzen natürlich nie, wie früher, in Relation zueinander konstant sind. Wenn eine Gesellschaft sich bestimmten Prinzipien und Grundsätzen verpflichtet bleiben möchte, sollte sie sich exakt und umfassend mit den Kulturen und kulturellen Umwälzungen in der Welt befassen. Das ist nicht lediglich als eine gesellschaftliche Aufgabe zu betrachten, sondern versteht sich als eine unvermeidliche Pflicht und Botschaft.

Die Domäne des Denkens benötigt heute mehr denn je die Kenntnis der unterschiedlichen Gedanken und das Erkennen ihrer Echtheit oder Nichtechtheit, aber nicht Urteil und Gegnerschaft. Anderenfalls werden uns Vorurteile, die sich quasi als die Schädlinge des Denkens erwiesen haben, scheitern lassen. Meine Wenigkeit versteht sich nicht als Verteidiger der interkulturellen Philosophie und auch nicht als ihr Verkünder, sondern ich betrachte mich als jemanden, der sich umgehend mit diesem Thema befasst hat. Ich werde versuchen, einige unbekannte Winkel dieser Strömung zu erhellen, soweit ich es kann.

Frage: Sprechen Sie bitte ein wenig über die Interkulturelle Philosophie, über ihre Geschichte, den Prozess, den Werdegang und ihre Charakteristika.

Mohamad Razavi Rad: Im Bereich des philosophischen Denkens sind fast 22 Jahre vergangen, dass der Terminus “Interkulturalität“ als Oberbegriff in aller Munde ist.1 Es ist jetzt mehr als ein Jahrzehnt her, dass Interkulturelle Philosophie als ein Fach an den Universitäten einiger westlicher Länder ihren festen Platz gefunden hat.

Unter den Gelehrten und Wissenschaftlern haben Prof. Ram Adhar Mall, Prof. Franz Martin Wimmer, Prof. Heinz Kimmerle, Prof. Raul Fornet-Betancourt zu der Definition, Gestaltung sowie Bestimmung der Begrifflichkeit und Struktur der interkulturellen Philosophie entscheidend beigetragen.

Prof. Mall sagt, dass die Idee der interkulturellen Philosophie äußerst mannigfaltig ist, mit inneren und äußeren Oberflächen. Sie wird auf der erkenntnistheoretischen Ebene und Metasprache einer Menge und Konstellation zugewiesen, in der Begriffe und wissenschaftliche Apparate universell verwaltet werden. Die Interkulturelle Philosophie ist im Schoß der deutschen Sprache geboren und hat von dort ihre Gestalt genommen. Man muss zugeben, dass Interkulturelle Philosophie irgendwie mit der deutschen Sprache verwachsen ist. Nirgendwo habe ich die Beziehung zwischen dem Denken und der Sprache so ineinander verschmolzen gesehen. Diese Verwachsenheit macht die Arbeit für die Vermittlung der Gedanken inanderen Sprachen schwer. Überdies besteht die Aufgabe des Vermittelns des Denkens nicht nur darin, es zu definieren, sondern – wie Prof. Mall sagt – es muss verdeutlichen, was die Interkulturelle Philosophie eben nicht ist.

Die Interkulturelle Philosophie ist noch im Stadium ihrer Jugendzeit. Sie hat noch keine endgültige Gestalt angenommen (sich keine ein- und ausschließende Definition angeeignet). Daher ist es nicht einfach, ein klares, definitives Bild davon darzubieten, nicht einmal für diejenigen, die jahrelang auf dem Gebiet ernsthaft gearbeitet haben. Es ist unvermeidlich, dass hier und da auch Dinge darunter diskutiert werden, die im Grunde nicht viel damit zu tun haben. Das macht die Verantwortung schwer und herausfordernder für die Professoren und Studenten, die dieses Fachgebiet studiert haben; natürlich tragen auch die Forscher eine Verantwortung, die mit der Substanz dieses Denkens vertraut sind. Einerseits muss man die Grundsätze und Axiome der Interkulturellen Philosophie wissenschaftlich sowie verständlich formulieren, andererseits muss man sie von dem, was nicht so sehr mit ihrer Substanz übereinstimmt, befreien.

Frage: Was ist der Hauptgedanke der interkulturellen Philosophie?

Mohamad Razavi Rad: Eine beschreibende sowie plakative Aussage über die Substanz der interkulturellen Philosophie scheint einerseits fast unmöglich, gleichzeitig aber leicht zu sein. Es ist deswegen leicht, weil man sich in den letzten Jahren damit eingehend und wissenschaftlich befasst hat. Es ist fast unmöglich, weil sie noch nicht ganz gereift ist und noch keine endgültige Gestalt und Struktur angenommen hat.

Sie wissen wohl, dass die Kulturen nach innen gewandt sind. Ihre Grenzen markieren vorgegebene Definitionen, die als “vertraut“ und davon abweichende als “fremd“ betrachtet werden. Eine solche Aufteilung expliziert in ihrem Kern eine informelle Be- und Auswertung. Zusätzlich zu der Bewertung impliziert sie ein furchtbares Urteil, das besagt, dass die Fremden nicht nur schlecht sind, sondern ihnen zuzuhören und sie zu verstehen absolut unwichtig ist. Einige betrachten es sogar als Verrat und als Vergehen oder als kulturellen Verrat.

Das Suffix “Inter“ im Ausdruck “Interkultur“ ist nicht als Zierde anzusehen, sondern hat eine bestimmte Bedeutung und einen bestimmten Inhalt im Sinn. Dieses Wort zielt auf die Ähnlichkeit und Differenz zwischen Kulturen, Philosophien und Religionen ab.

Die Interkulturelle Philosophie versucht, das “Bekämpfen Anderer“ durch das “Erkennen Anderer“ zu ersetzen. Damit sind keineswegs die folgenden Phänomene gemeint:

Kulturvernachlässigung, Kulturvergessenheit, Kulturzentralismus, Kulturauflösung, Kulturschwächung, Kulturherabsetzung, Kulturbeherrschung, Kulturtourismus, Kulturpropaganda, Kulturästhetisierung, Kulturverminderung, Kulturgleichheit, Kulturvereinigung, Kulturromantik, einheitliche Weltkultur (im Sinne von Beseitigung der kulturellen Unterschiede), Kulturbevorzugung, Kulturmanöver, Kulturkritik oder etwa Kultururteil.

Sie beinhaltet nicht nur “Kulturlogie“ und “Anderenlogie“ sondern sie stützt sich voll und ganz auf gegenseitigen Dialog. Wenn dieser, meiner Meinung nach, richtig stattfinden würde und seine objektiven und praktischen Voraussetzungen erfüllt werden, ist er zweifelsohne für die Menschheit nützlich, er ermöglicht auch eine Rückkehr in den Alltag und in die Funktionierbarkeit der Kulturen seitens deren Träger und Verbündeten.

Man darf nicht vergessen, dass die Realisierung einer menschlichen Welt von der Entstehung des “Weltmenschen“ abhängt. Von daher verstehe ich den Dialog als eine unentbehrliche Voraussetzung dafür, überhaupt in der “Welt“ zu sein.

Man sollte gerechterweise das Streben nach der kulturellen, philosophischen Läuterung und nach dem Frieden zwischen Traditionen und Schulen zu den Zielen der Interkulturellen Philosophie, in die Richtung der Gestaltung eines friedlichen Lebens zählen. Ein anderes wichtiges Ziel der Interkulturellen Philosophie ist auch, die wirkliche Philosophie von der “reinen Philosophie“ (Philosophie für Philosophie) zu befreien.1

1 Vgl. Wimmer, Franz Martin: Interkulturelle Philosophie, Bd.1 S. 119-126

Heutzutage sind viele philosophische Diskurse vom lebendigen Prozess des täglichen Lebens entfremdet und haben sich davon zurückgezogen, weil sie vielleicht außer wissenschaftlichen, forschungstheoretischen Vergnügen keine Früchte tragen. Sie haben sich allmählich vom vitalen Leben zurückgezogen, als ob die Menschen überhaupt nichts mit Philosophen zu tun haben; oder die Sorgen der Philosophen haben mit den Themen des Lebens überhaupt nichts gemeinsam. Die Interkulturelle Philosophie geht diese Problematik an.

Prof. Franz Martin Wimmer, der österreichische Philosoph, sagt in seinem Buch “Interkulturelle Philosophie“:

„Wenn wir nicht die praktischen Einschränkungen der Philosophiegeschichte beseitigen, werden die Errungenschaften der Menschheit ausschließlich nur in einer Kultur und Tradition gesucht; dann können heute ohne Zweifel die Probleme der Kulturen nicht bewältigt werden. Die Realisierung dieser Tatsache setzt die aktive Zusammenarbeit der Gelehrten aller Kulturen auf allen Kontinenten und aller Religionen voraus.“ 2

2 Vgl. Wimmer, Franz Martin: Interkulturelle Philosophie Bd. 1, S. 238

Prof. Ram Adhar Mall, der in Deutschland lehrende indische Philosoph ist der Meinung:

„Die Botschaft der interkulturellen Philosophie zieht nicht auf den Entwurf und die Konstruktion der vorausgesetzten Philosophie ab, die verabsolutierend und vervollkommnend wäre, sondern sie sieht ihre Aufgabe in der Institutionalisierung der erkenntnistheoretischen, logischen, metaphysischen, moralischen, philosophischen, religiösen Weltanschauung sowie in menschlicher Bescheidenheit mit unterschiedlichen Auswegen, um eine einheitliche Sache mit unterschiedlichen Namen und Zeichen zu erlangen. Diejenigen, die eine Einheit in der Kultur, Tradition, Philosophie und Religion anstreben, abstrahieren willig von der philosophischen Kultur der interkulturellen Philosophie.“

Meinem Ermessen nach ist die Interkulturelle Philosophie nicht nur eine reine philosophisch-theoretische Hypothese, sondern sollte ihrem Wesen nach einen Ausweg aus der philosophisch-kulturellen Sackgasse beinhalten, um den Menschen zu ermöglichen, trotz ihrer eventuellen “Veränderung“, die “Anderen“ notwendigerweise nicht bedrohlich oder feindlich in ihrer Identität “des Selbst“ aufzufassen.

Diese Betrachtungsweise hat ebenfalls nichts mit dem Dogmatismus der Kulturen zu tun, weil jede Kultur notwendigerweise sich selbst zugewendet ist; wenn sie nicht selbst bezogen wäre, wäre sie eventuell gar nicht zustande gekommen. Daher ist es sehr wichtig, dass sie ihre “Sich-Bezogenheit“ nicht mit der Verleugnung der “Anderen“ ersetzt. Man darf nicht die Aussage: „Ich sage die Wahrheit“ mit der Aussage: „Die Anderen lügen“ gleichsetzen. Es ist angebracht, dass man nicht in den Kategorien der Negation oder affirmativen Aussage denkt oder aber umgangssprachlich ausgedrückt “schwarz-weiß“ sieht.

Es scheint mir, eine solche Betrachtungsweise, ohne mit der Existenz der “absoluten Wahrheit“ Probleme zu haben, lässt sich nicht an einer Wahrheit festmachen.

Sie ist in ihrer Mannigfaltigkeit durchaus atopos, oder vielmehr ist sie als “gestreute Wahrheit“ zu betrachten. Die interkulturelle Philosophie sieht die Wahrheit umfassender und vielfältiger als das, was sich im Gesetz des Alles oder Nichts verfangen würde. Diese Tatsache lässt ihr Schicksal nicht im Handumdrehen bestimmen. Man darf sie auch nicht mit der “Relativität der Wahr- heit“ gleichsetzen - was übrigens nicht neu ist - weil sich die Wahrheit ihrer Natur nach weder absolut noch in den Händen einer Person oder einer Gruppe gefangen halten lässt. Sie ist die “gestreute Wahrheit“. Manche denken, dass die interkulturelle Philosophie versucht, den Wahrheitsfanatismus durch eine Art Wahrheitsbescheidenheit zu ersetzen; es geht jedoch nicht darum.

Mein Verständnis von der heutigen Welt sagt mir, wenn eine Gesellschaft und ein Individuum an ein friedliches Leben glaubt, sollten sie alle Voraussetzungen des Lebens mit “Anderen“ schaffen und ihre gewöhnlichen Ausrüstungen bereitstellen, sowie ihre Folgen akzeptieren. Das bedeutet nicht, dass man unbedingt Unterschiede propagieren soll, sondern es heißt nur, dass man sie akzeptiert, weil sie unabhängig von unserem Willen existieren; das kann man wohl nicht leugnen. Natan Golzar, der sich einst nicht mit der Tatsache der Vielschichtigkeit der Kulturen befreunden konnte, hat neulich ein Buch unter dem Titel “Wir sind alle die Anhänger der Interkulturalität“ geschrieben. Darin distanziert er sich von seinen früheren Positionen, weil – das versteht sich von alleine - die Vielschichtigkeit, um ihre Existenz zu beweisen, von niemandem eine Bestätigung oder Stempel benötigt.

Ich glaube auch nicht, genauso gut wie Sie, dass alles was es gibt gut ist, obwohl ich glaube, dass jede Existenz von etwas, die gestützt ist auf Prinzipien und Säulen, im Kontext der Zeit und des Ortes ihre Existenzberechtigung haben kann. Obwohl ich den Wunsch der Befreiung von den Unterschieden und Differenzen nicht als unangebracht betrachte, sind sie doch mit dem natürlichen, tatsächlichen Prozess des Lebens nicht konform. Viele Dinge existieren als Wunsch, als solche ohne Mängel, wenn sie jedoch ohne Relation zu Realitäten bestehen, bleiben sie immer als Wunsch vorhanden.

Meine Sorge besteht darin, dass einige Leute die Differenzen als den Anlass für Auseinandersetzungen und Gewalt benutzen, ob- wohl die Unterschiede in ihrer Substanz und im Kern nicht Gewaltauslöser waren oder “Auseinanderverursacher“ sein sollten, es sei denn, es wird falsch verstanden.

Nun, die Missverständnisse verbergen die Voraussetzungen von Gewalt und Auseinandersetzung in sich, an jedem Ort und in jeder Zeit. Die einwertige Logik “das oder dieses“ wird aus Sicht der Interkulturellen Philosophie heraus abgelehnt. Sie wird nicht nur als unbegründet und unvernünftig angesehen, sondern sie erweist sich auch als Störung der Koexistenz. Die Interkulturelle Philosophie akzeptiert nicht die Leute und Gesellschaften, die mit den Menschen in ihrer Sprache und in diesem Stil reden. Die Logik, welche behauptet, dass derjenige der mit uns ist, ein Engel und derjenige der nicht mit uns ist, ein Ahriman ist, entspricht nicht der Sprache der Vernunft.

Derjenige, der behauptet: „Wer mit uns ist, ist unbedingt weiß und derjenige, der nicht mit uns ist, ist schwarz“, spricht nicht die Sprache der Logik. Die Träger und Anhänger solcher Kultur und solchen Denkens betrachten den “Anderen“, abgesehen von der Art seiner Existenz und abgesehen davon, was er denkt und wer mit ihm zu tun haben kann und was die Grundlagen seiner Kultur und des Denkens sind, als bedrohlich und gefährlich. Solches Verständnis kann Ursache jeglichen bitteren Geschehnisses werden.

Frage: Die Idee der Interkulturellen Philosophie wurde im Westen geboren, wie steht sie zur Modernität?

Mohamad Razavi Rad: Über die Relation zwischen der Modernität und der Interkulturellen Philosophie lässt sich einiges sagen. Es ist sicher, wenn auch keine Modernität existieren würde, hätte die Menschheit im Prozess des Lebens die Interkulturelle Philosophie trotzdem als notwendig erachtet. Jedoch haben sicherlich die Mängel der Modernität ihre Notwendigkeit gefördert. Die Theorie der Interkulturalität ist natürlich im Westen entstanden, deswegen muss man sie aber nicht nur westlich betrachten. Ich bin indes mit solch einer Aufteilung nicht einverstanden, weil ich ihre Berechtigung nicht verstehe. Ich betrachte die Wissenschaft als solche universell. Deswegen kann man das Denken nicht auf einen bestimmten Ort oder eine Gruppe einschränken. Man muss es nicht als Export- oder Importartikel ansehen. Die Interkulturelle Philosophie ist eine Wissenschaft und so gesehen gehört sie allen, die danach trachten, sie in Anspruch zu nehmen und zu benutzen. Sie ist sozusagen ohne Eigentümer und Besitzer. Dass in den religiösen Lehren gelehrt wird, dass jeder sich Wissen aneignen soll, wenn er auch viele Strecken zurücklegen muss, bezieht sich wohl auf diese Tatsache.

Solche Einschränkungen und Aufteilungen sieht man auch im Westen, was sich jeder rationalen Grundlage entzieht. Die Interkulturelle Philosophie ist nicht der Hinterhof der Modernität, obwohl sie eine Folge von ihrer Nichtfunktionierbarkeit und ihrer Mängel sein kann. Sie ist nicht westlich, weil der Westen sie immer noch mit Skepsis und Verachtung ansieht, was dadurch verständlich wird, dass sie Transkultur und Leitkultur in Frage stellt bzw. negiert, und vielleicht auch deswegen, weil die Denker der Interkulturalität im Westen und insbesondere in Deutschland, noch nicht anerkannt sind und hier diverse Schwierigkeiten haben. Einige Charakteristika der Interkulturellen Philosophie von Prof. Mall und Prof. Fornet-Betancourt sind grundsätzlich nicht westlich. Prof. Kimmerle sieht gar den Ursprung seiner Gedanken in Afrika! Ich sage nicht, dass man im Westen die Früchte des Sprösslings “Interkulturelle Philosophie“ nicht benutzen will, sondern möchte betonen, dass der Westen, in Abwesenheit des Ostens, im Kontext der interkulturellen Umwälzungen leichter seine Ziele erreichen kann. Die Interkulturelle Philosophie hat die Anwesenheit aller “Strömungen“ als Ziel. Das ist für westliche Kultur, die sich als Leitkultur definiert, bestimmt nicht ganz akzeptabel. Meiner Meinung nach sind vorzeitige Urteile, die von einigen geachteten Gelehrten im Lande (also im Iran) gefällt wurden, aus den unterschiedlichen Gesichtspunkten heraus betrachtet, zu überdenken.

Frage: Wie schätzen Sie die Lage im Iran ein? Denken Sie, dass man da klare Vorstellungen von der Interkulturellen Philosophie hat?

Mohamad Razavi Rad: Ich bin über die Details der Diskussionen im Iran noch nicht ganz im Bilde. Aber soweit ich beurteilen kann, gibt es kein fachmännisch realistisches Bild davon. Deswegen muss man noch daran arbeiten. Von einigen wird sie als eine “Luxusdiskussion“ benutzt. Wiederum verwechseln einige Leute sie, aufgrund ihrer Unkenntnis von der grundlegenden Botschaft, mit Leitkultur oder mit Transkultur, manchmal mit Multikultur. Man muss ein populistisches Verständnis von der Interkulturalität vermeiden, da es eine Verurteilung oder Verherrlichung verursacht, bevor sie verstanden wird. Die Lösung dafür ist, dass man sie nicht voreilig verherrlicht oder unsachgemäß verurteilt, bevor sie nicht fachmännisch verstanden worden ist. Man gibt sich redliche Mühe; es fanden wertvolle Veranstaltungen und Konferenzen in unterschiedlichen Regionen des Iran statt. Ich hoffe sie tragen alle zur Gestaltung unterschiedlicher Fassaden dieses Gedankens bei.

Die Interkulturelle Philosophie ist nicht alt, man kann sie mit einem Sprössling vergleichen. Man muss noch, bis zur endgültigen Gestalt - selbst in Deutschland, sozusagen deren Geburtsland - dar- an arbeiten. Man kann es mit der Arbeit einiger Ingenieure des Straßenbaus vergleichen, die z. B. den Straßenbau zwischen Teheran und Simnan planen, welcher viel zu viel Zeit in Anspruch nimmt und viele technische Defekte hat usw., weil er eine Bahn vorsieht und bestimmten Schaden für das Volk hat usw. Andererseits zeigen die Untersuchungen einiger Experten, dass man sowohl die Zeit der Ankunft als auch die eventuellen Schäden verkürzen kann. Das ist nur ein Beispiel dafür – das versteht sich von selbst – dass man in der Praxis neue Ideen und Horizonte entdecken kann. Jede Kultur verhält sich auf diese Weise. Ich bezweifle sehr, dass eine Kultur keiner Entwicklung und keines Fortschritts bedarf. Das Eindringen einer solchen Mentalität und Denkens in eine Kultur wird das Ende und die Dekadenz dieser Kultur verursachen.

Frage: Was bedeutet die Philosophie des interkulturellen Gedankens?

Mohamad Razavi Rad: Man muss sie als die Folge und das Ergebnis von den Niederlagen des Menschen betrachten, um das Leben mit “Anderen“ in Ordnung zu bringen, und um einen definierbaren, vollständigen und allgemeinverständlichen neuen Weg zwischen sich selbst und dem “Anderen“ zu erreichen, was die Tagesordnung oder Zielsetzung der Interkulturellen Philosophie ist. Wenn sie stattfinden würde, könnte sie heute viele Probleme der Menschen mit Dialog und Toleranz lösen. Unser Bild vom Dialog soll sich ändern. Der Dialog ist nicht nur ein begriffliches Übermittlungswerkzeug, sondern er ist ein neuer Weg zum Leben selbst. Eine neue Art des Lebens, das auf Gerechtigkeit, Realismus, Frieden, Toleranz, Wahrheit und Geduld basiert. Der Kern dieses Gedankens ist, dass man den “Anderen“ nicht, weil er anders ist, aufopfern soll. In vielen Fällen ist der “Andere“ sogar nicht gegen uns. Dass man dem “Anderen“ zuhören muss, soll man nicht mit der Gegnerschaft gegenüber unseren Überzeugungen gleichsetzen. Wir sollten die Kunst des Zuhörens neben der Kunst des Redens lernen und uns selbst nicht am Ende von all diesem und am Ufer der absoluten Wahrheit und des Denkens vorstellen. Die Erfahrung und Forschung lehren uns diese Tatsache. Wenn wir zu keiner realistischen klaren und praktischen Definition von dem Leben der “Anderen“ gelangen können, werden wir keine erfreuliche Zukunft für uns haben. Die Welt ist klein geworden. Man kann es mehr als je zuvor fühlen, dass wir unter einem Dach leben. Wir können nicht die “Anderen“ ignorieren. Wer die interkulturellen Gedanken zweier Kulturen oder zweier Philosophien, wie diejenigen zweier Menschen ansieht, geht nicht notwendigerweise von einer Hypothese des vielseitigen Widerspruchs und der Gegnerschaft aus. Das hat keine vernünftige Bestätigung in der realen Welt. Aber im Laufe der Geschichte sind solche unvernünftigen Phänomene wie die oben genannten, in solch einem Ausmaß in den Kulturen und Philosophien entstanden, dass sie für viele keine Gelegenheit zum Nachdenken über die “Anderen“ gelassen haben. In Anlehnung an die interkulturellen Gedanken, ist eine Aussage wie: „Philosophie ist westlich oder ist keine Philosophie“, genauso unrichtig wie die Aussage: „Die Kunst ist nur bei den Iranern vorhanden. Basta!“.1

1 Vers aus einem persischen Gedicht

Die Verschmelzung der Eisberge vom Dogmatismus und dem Absolutem sowie die Eröffnung der neuen Gedanken und Horizonte lassen die Menschen mehr und mehr zueinander rücken oder nebeneinander stehen. Sie verschlingen alle kulturellen Inseln und gedanklichen Hinterhöfe in sich. Es scheint, dass wir uns alle auf einem Schiff befinden und ein gemeinsames Schicksal haben.

In der heutigen Welt haben alle mit allen zu tun. Die Menschen werden von den Ergebnissen ihrer Handlungen gewollt oder ungewollt beeinflusst. Falsche Gelassenheit, Gleichgültigkeit, Nichtteilnahme an Umwälzungen der Welt verursachen unsere Nichtexistenz und den Niedergang. Deswegen sollen wir das Phänomen “Wellen fahren“ lernen, wenn wir weiter bestehen wollen. Über das Material und den Wert der Wellen sollen wir genügend wissen, in gehöriger Erkenntnis und mit Verstand sollen wir das Schicksal und Geheimnis des “Wie zu sein“ und “Wie zu denken“ lernen. Nicht nur “Wellen fahren“ lernen, sondern vielmehr sollte man das Schaffen neuer Wellen bewegen. Das passive Verhalten der Welt gegenüber, ist gleichbedeutend alles zu verlieren. Man muss auf den vernünftigen Grundlagen und Säulen der Kulturen aufbauen, die begründet und gerechtfertigt sind, und nicht in ihnen verharren und starr werden. Die Nichtverharrung in ihnen sollte nicht als deren Übergehen interpretiert werden, sondern es bedeutet dass man sie mehr verstehen soll, so werden sie tiefere und breitere Wurzeln schlagen. Wer weiß nicht, dass die größten Schädlinge unserer Wurzel diejenigen Kräfte darstellen, die im Laufe unserer schweren Geschichte gewachsen sind, sich uns ungewillt zeigen und uns eigentlich von Grund auf verderben.

Wir sollten uns noch mal vergegenwärtigen, dass unsere Kultur und unsere Gedanken nur mit unserem Fortbestehen weiter existieren werden. Unsere ständige Auseinandersetzung und Plagerei mit dem, was nicht gerechtfertigt und begründet ist, macht uns schwach und vergänglich. Die Interkulturelle Philosophie versucht das Vakuum zwischen unserem “Selbst“ und dem “Anderen“ im Interesse der beiden auszugleichen oder auszufüllen, ohne sich selbst zu entpersonifizieren oder an sich zu zweifeln. Das beste Experiment oder Mittel, das dieses Vakuum ausfüllen kann, ist der Dialog. Dieses Feld des Dialoges ist ein neues Phänomen namens “vielfältige Erkenntnis“, die mit den interkulturellen Gedanken nicht nur keine Probleme hat, sondern gewissermaßen deren Attribute ausmacht. Im Felde des Denkens und Dialogs können alle gewinnen. Alle sind anwesend, alle lebend und alle Diskussionen werden zur Verfügung gestellt. Die Gedanken entfalten sich und die Wahrheiten werden offensichtlicher. Die Feindschaften und Verstimmungen zwischen einem selbst und den “Anderen“ werden entweder beseitigt oder in menschliche Auseinandersetzungen umgewandelt. Der Dialog ist nicht das Werkzeug der Interkulturellen Philosophie, sondern er ist die Zielsetzung selbst. Der interkulturelle Gedanke betrachtet den Dialog als Voraussetzung und objektiv interne Notwendigkeit des menschlichen Lebens. Der Sinn des Dialogs ist eher ein Verharren und Vertrauen in sich selbst, als eine Zusage an die “Anderen“ oder Rechtfertigung für “Andere“.

Das im Dialog errungene Vertrauen kann den eigenen Gedanken aktueller und vertraulicher als gestern machen. Ein wahrscheinlicher Schaden wird im Lichte der logischen und gerechtfertigten Reflexion minimiert. Der Dialog ist nicht das Ende der Differenzen, sondern er ist deren Verwirklichung und deren richtiges Verstehen.

Man muss auch die Toleranz als wichtiges Element des interkulturellen Denkens erwähnen. Nicht jeder kann eine Verwirklichung und richtiges Verstehen der Differenzen realisieren. Insbesondere muss man die Anhänger der Religionen zur Toleranz auf diesem Gebiet aufrufen. Meine Studien und Forschungen auf dem Gebiet der Religionen verdeutlichen, dass dieser Aufruf viel interreligiöse Bestätigung beinhaltet, was nicht extra gerechtfertigt und begründet werden soll. Aber die Differenz zwischen der Religion und den religiösen Menschen oder mit anderen Worten die Differenz zwischen der Religion und dem religiösen Verständnis könnte die Felder zwischen Religionen derartig schwarz und weiß färben, dass die Toleranz ungerechtfertigt in vielen Fällen als Herabsetzung oder Ketzerei interpretiert würde. Ohne Toleranz wird die Chance jeglichen Dialogs von Menschen und Gesellschaften beraubt.

Der “Andere“ wird nur durch die Toleranz in den Winkeln unseres Gedächtnisses existieren. Ohne Toleranz sind wir in allen kulturell- gedanklichen Gebieten ohne Konkurrenz siegreich, weil keine Konkurrenten existieren und der “Andere“ aus unserem Gesichtspunkt heraus nicht berechtigt ist, zu existieren. Wer weiß nicht, dass Konkurrenz von der Existenz der Anderen abhängig ist.

Die eigentliche Sorge des kulturellen Gedankens besteht darin, dass die parteiischen Bilder der Menschen gegenüber den “Anderen“ mit dem Motto: „Der Andere ist nicht notwendigerweise der, den du in deinem Gedächtnis hast“, abgetan werden. Solange dies nicht geschehen ist, werden nicht nur der einzelne Mensch, sondern auch die Gesellschaften miteinander Probleme haben.

Ich glaube, wenn diese – doch sehr entscheidende – Botschaft verstanden würde und wir ihr in der Praxis treu blieben, dann sollte man die Idee dahinter verstehen. Das, was die Menschen nicht wissen, nicht glauben oder nicht kennen, ist nicht notwendigerweise “schlecht“ und deswegen ist es nicht zur Auflösung und Vernichtung verurteilt.

Wenn wir die Errungenschaften des interkulturellen Gedankens in Kategorien aufteilen, können wir fünf hauptsächliche aufzählen:

1. Beständige Philosophie gehört keiner Gruppe, Kultur oder bestimmten Tradition an.

2. Die Glückseligkeit ist nicht von der Religion abhängig.

3. Keine Kultur ist anderen Kulturen überlegen. 4. Beständige Philosophie ist gegen das Monopol der Wahrheit auf dem Gebiet der Politik und betrachtet dies als undemokratisch. 5. Die Gemeinsamkeiten der Kulturen und Religionen sind eine sehr gute Basis für die Koexistenz. Man muss über all diese Punkte diskutieren und ihre Nuancen anschauen. Man sollte vor allem die Identität und Substanz des interkulturellen Gedankens kennen, um zu sehen, wie viel von diesem Gedanken rationale, wirklichkeitsnahe und praxisbezogene Anpassungsfähigkeit besitzt.

Die interkulturelle Philosophie braucht, um sich zu behaupten, zwei Arten der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Die Erste ist die Anerkennung der “Anderen“. Die Zweite ist die Beseitigungder Wurzeln der Überlegenheit und Herrschaft über die “Anderen“ im Bereich der Kultur und des Denkens.

Frage: Ist es nicht so, dass Zugeständnisse an die “Anderen“ in unserem Unterbewusstsein die Rechtfertigung dessen verursacht, was wir als “nicht gut“ und zwangsläufig als “unmoralisch“ betrachten; mit anderen Worten, verursacht es in uns keine Art Entfremdung?

Mohamad Razavi Rad: Durch die neue Organisierung sowie Struktur der Welt mittels Anwendung der modernsten Technologie rückt “der Andere“ so in unser Gesichtsfeld, dass wir uns damit selbst im entferntesten Winkel der Welt auseinander setzen müssen. Mit anderen Worten, die Existenz oder Nichtexistenz des “Anderen“ hängt nicht von unserem Zugeständnis oder unserer Verleugnung und Protest ab. Wir sind mit dem konfrontiert. Ich ziehe in solchen Fällen das aktive Verhalten jedem anderen Verhalten vor. Vielleicht stellte bis gestern die Verleugnung der Wahrheit und die schreckliche Darstellung des “Anderen“ eine Lösung sowie einen Ausweg dar, aber beide Methoden funktionieren heute nicht mehr. Man muss sich in Konfrontation mit dem Vorhandenen setzen, das heißt ihm ins Auge sehen. Man muss es besser verstehen und es besser und nützlicher anbieten. Das Schützen und die Verteidigung des eigenen Gutes auf der kulturellen, gedanklichen und moralischen Ebene erfordert seine eigene Methode.

Wie ich bereits ausgeführt habe, sind die “kulturellgedanklichen Hinterhöfe“ zerstört, sie haben kein Adäquat in der Außenwelt. Der gläubige Mensch ist ein Mensch des “Vergleichs“ und der “Berechnung“ geworden. Im Rahmen der Gedanken, der Kultur und des Lebens hat er verschiedene Modelle vor sich. Es wird – wie Sie in ihrer Frage angedeutet haben – im Unterbewusstsein geschehen, unabhängig von mir und Ihnen, wenn wir als Träger der Gedanken und Kultur “den Anderen“ verleugnen oder übersehen oder an ihn Geständnisse machen. Das Akzeptieren des “Anderen“ hat den Vorteil, dass man die Sache nicht dem Schicksal überlässt und so notwendige Maßnahmen treffen kann, um ein besseres, richtigeres, nützliches, vernünftiges, attraktives und logisches Modell anzubieten. Im Schatten des aktiven Akzeptierens vermeidet man so die “Verleugnung“ und “Passivität“. Meine Antwort auf ihre Frage ist: Ja, diese Arbeit kann auch wie jede andere Tätigkeit schief gehen.

Es ist möglich, dass durch den offenen Vergleich und Auswahl, der Glaube vieler Leute in sich selbst, geschwächt wird. Aber sicherlich ist das allgemeine Ergebnis von diesem Prozess die Steigerung des Vertrauens und des Glaubens im Lichte der Aktualität und Funktionierbarkeit des Gegebenen. Glauben wir, dass wir das Beste haben oder nicht? Oder glauben wir an unsere Sache oder nicht? Verstehen wir unsere Sache als gerechtfertigt und begründet, als aktuell und funktionierend oder nicht? Wenn ja, warum sollten wir die “Anderen“ fürchten? Wenn nein, warum sollten wir uns nicht verbessern und unsere Gedanken reformieren.

Ich selbst sehe als jemand, der über 20 Jahre lang unser heiliges, himmlisches Buch, den Koran, aus verschiedenen Blickwinkeln untersucht hat, keine Spur von der Verleugnung “Anderer“ darin. Ich bin vielmehr dem Gegenteil darin begegnet.1

1 Der Koran sagt: “Sage den Anhängern des Buches (altes und neues Testament): lasst uns über die Gemeinsamkeiten reden.“ Und weiter: “ … Ihr habt euren Glauben, ich indes meinen. …“ Und: “… Ich bin ein Mensch wie ihr. …“ Und: “… Sage ihnen, sie sollen ihre Gründe vortragen, wenn sie sie kennen. …“

Ich glaube, dass die Atmosphäre des koranischen Gedankens das Vertrauen und der Glaube an das Wissen ist, weshalb man auch keine Angst vor den “Anderen“ haben soll.

Ich denke, dass die eigentlichen Probleme auf dem Wege der Zugeständnisse an die “Anderen“ heutzutage ihre Wurzeln in diesem Punkt haben. Viele Leute, die auf diesem Gebiet Probleme haben, sind mehr um ihr eigenes Verständnis von der Religion oder dem Islam besorgt, als sich um die religiös-islamischen Gedanken Sorgen zu machen. Sie sind besorgt um ihr eigenes unsicheres Bild von den religiösen, kulturellen, moralischen Fakten. Solange der “Andere“ nicht existiert (er kann zu uns gehören und muss nicht unbedingt fremd sein), kann dieses Bild teilweise funktionieren, damit unser “Heute“ den “Morgen“ erreicht. Aber wenn wir dem “Anderen“ begegnen und dadurch unser Bild auf die Probe gestellt wird, ist es dann nicht klar, dass es gar für uns selbst gültig wäre. Diese Sorge ist natürlich und sicherlich angebracht, aber sie ist nicht gerechtfertigt. Sie ist keine konstruktive Sorge und ich mache mir Gedanken um solche Art von Sorgen, weil sie, wo auch immer sie existieren, viele Hindernisse auf dem Weg des “Seins“ und des “Werdens“ der Individuen und Gesellschaften schaffen. Solche Sorgen können einen gerechtfertigten, begründeten, aktiven, konstruktiven Gedanken zu einem formellen, unbegründeten, unkonstruktiven Gedanken umwandeln.

Eine Kultur wird dann eine Krise erleiden, wenn sie denken würde, dass keine andere Kultur existiert oder wenn eine solche existiert, diese nur ein Schatten oder Abbild von ihr ist. Noch schlimmer wäre es, wenn sie denken würde, andere Kulturen sind lediglich ihre Kolonien. Solche Gedanken führen zu Dekadenz und Auflösung. Dem “Anderen“ Existenz gewähren, heißt nicht, dass eine Vermischung oder Assimilation stattfindet, sondern die Denker des interkulturellen Gedankens versuchen vielmehr, eine Verwirklichung des “Ineinandergreifens“ und systematische Solidarität zu realisieren. Wir sollen untersuchen, ob diese Solidarität vernünftig, möglich und nützlich ist oder nicht. Wenn wir im Laufe unserer Studien und Überlegungen zum Ergebnis gelangt sind, dass wir nicht ohne systematische Beziehung mit anderen leben können, dann sollen wir auch wissen, dass unser Verständnis vom “Anderen“ eine entscheidende Rolle für den Entwurf und die Systematisierung der Beziehung spielt. Wir müssen die “Anderen“ so wie sie sind verstehen und nicht auf die Art und Weise, wie wir es gerne wollen. Auch der “Andere“ soll uns so verstehen und akzeptieren und nicht so, wie er es will.

Weil viele Menschen sich erlauben, die anderen Menschen so vorzustellen oder sich ein solches Bild von ihnen machen, wie sie es wollen, geraten sie in Folge solch unverantwortlichen Handelns und Denkens in eine vormundschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen. Die schlechteste Form von menschlichen Beziehungen, die man sich überhaupt vorstellen kann, ist dieser Vormundschaftsanspruch. In der Substanz und im Kern einer solchen Denkweise verbirgt sich die groteske, bittere Behauptung, dass wir besser wissen, was gut für die anderen Menschen ist und was nicht gut für sie ist. Eines der unschönen Gesichter des politischen Denkens im Westen ist dieser Gedanke. Dieses Denken ist in dem Maße gefährlich und schädlich, dass man z. B. den Japanern sagen kann: „Um euer Wohlwollen halber, werfen wir jetzt Atombomben auf euch.“ Man sagt der irakischen Nation: „Weil wir besser wissen, was gut für euch ist, werden wir in euer Land einmarschieren.“ Und man sagt zur iranischen Nation: „Weil wir eure Interessen am besten kennen, diktieren wir euch, ihr sollt keine friedlichen nuklearen Technologien besitzen.“ Aber wenn die westlichen Staaten an der Reihe sind, darf sich natürlich niemand überhaupt über sie äußern.

1 Der Koran sagt: “Sage den Anhängern des Buches (altes und neues Testament): lasst uns über die Gemeinsamkeiten reden.“ Und weiter: “ … Ihr habt euren Glauben, ich indes meinen. …“ Und: “… Ich bin ein Mensch wie ihr. …“ Und: “… Sage ihnen, sie sollen ihre Gründe vortragen, wenn sie sie kennen. …“

Frage: Sie haben angedeutet, dass der Dialog kein Werkzeug des interkulturellen Gedankens, sondern vielmehr seine Zielsetzung ist. Können Sie dies näher erläutern?

Mohamad Razavi Rad: Unter den Wörtern gibt es Begriffe, die, abgesehen davon, dass sie eine tiefere Bedeutung und Botschaft haben, gleichzeitig allgemeinverständlich sind. Jeder versteht sie, sie hören sich gut an und man betrachtet sie als akzeptabel. Das Wort “Dialog“ gehört zu solchen Wörtern. Es scheint, es definiert sich selbst und schafft sich selber seine Grenze und Bestimmung, weil es jedem Recht gibt und jeden zum Reden einlädt. Es schafft eine unparteiische Atmosphäre. Man liebt es und es verursacht Liebe. Das Gebiet des Dialogs ist ein großes, vorbereitetes Feld für den Ausdruck der Gedanken, die das Ergebnis der beständigen Mühe der denkenden Menschen auf dem Gebiet des Denkens ist. Im Zuge des Dialogs kann man das hohe Ziel der Gegenüberstellung der Gedanken erreichen, das selbst die wallende Quelle der neuen und frischen Gedanken ist. Die Spezifika unserer Epoche und Zeit hat eine Art Aufteilung zwischen den Menschen zu Stande gebracht. Eine Gruppe von Menschen hat von Anfang an alle kleineren und größeren Fragen für sich selbst beantwortet. Sie brauchen nicht mehr zu fragen oder zu denken. Das Fragestellen und jeglicher Dialog über ihre Gedanken wurden als eine Art Schwächung oder Skepsis betrachtet. Sie sehen so eine Atmosphäre als Verschwörung und Zweifel an. Solche Menschen schaffen einen einseitigen Prozess mit Befehl und Zwang für das eigene Leben und das Leben der anderen Menschen.

Die zweite Gruppe von Menschen ist ein solcher Typus, der sich nicht auf jedem Gebiet des Wissens am Ende des Kurses betrachtet. Er lässt sein Schiff der Erforschung und des Fragens nie an den Ufern des Dogmatismus anlaufen. Aber er schätzt seine letzten Errungenschaften, er besteht darauf - in begründeter und gerechtfertigter Form natürlich usw. Und er denkt auch an die Überzeugungen und Realitäten von anderen Menschen.

Das Gebiet des Dialoges hat seine eigene Gesetzmäßigkeit. Die Kenntnis und die Anwendung dieser Gesetzmäßigkeit ist so wichtig und sensibel, dass Prof. Habermas dazu sagt: „Die Entdeckung dieser Gesetze und Bräuche kann als die Entdeckung und das Erreichen der menschlichen Idealgesellschaft angesehen werden.“

Weil die Substanz der menschlichen Existenz ihre Eigenschaften im Dialog wiedergewinnt und entfaltet und das Ergebnis der schönen Verfolgungen der Gedanken zu Tage gefördert wird. Der heutige Mensch verlangt nach fühlbarer Erfahrung der vielen gedanklichen Werte, die auf dem Felde der Dialoge zu erfahren sind. Man kann die Freiheit im Bereich des Dialoges erfahren, während in den Tiefen der Seele das ABC der Freiheit im Gesicht der Zuhörer abzulesen ist, während die einzige Sorge darin besteht, die Wahrheit zu finden und den erfrischenden Geschmack der Gerechtigkeit zu kosten. Wenn man sieht, dass die Umgebung des Dialogs das Erscheinungsfeld der Macht, Mut, Nachsicht, Größe, Verantwortung und Hingabe und tausende solcher menschlicher Eigenschaften ist; natürlich wenn die Bräuche und Regeln des Dialoges berücksichtigt werden.

Der Koran, als der wichtigste Text der islamischen Gedanken, bietet ein schönes und deutliches Bild des Dialoges und seiner Regeln an: Frohsinn sei denjenigen, die alle Überzeugungen und Sichtweisen in voller Freiheit untersuchen, und die besten von ihnen auswählen. Es versteht sich von selbst, dass dieses Urteil auch für die religiösen Überzeugungen Gültigkeit besitzt. Das heißt, religiöse Überzeugungen sind selber Gegenstand der Untersuchung und Auseinandersetzung. Wenn ein Individuum zu der Funktionierbarkeit und der Fähigkeit einer religiösen Überzeugung, zur Organisierung der Welt und des Jenseits gelangt, wird sich selbstverständlich die religiöse Auswahl praktisch in seinem privaten und gesellschaftlichen Leben zeigen.

Die Früchte des Dialogs über die Religion sind das Erreichen der Religion selbst. Und die Frucht dessen Vermeidung ist, ganz optimistisch betrachtet, dass die Religion sowieso zu dem Menschen gelangt. Wer weiß nicht, was für ein Unterschied zwischen diesen beiden Arten besteht.

Der Koran sagt an einer Stelle:

“Kenntnis und Erkenntnis sind entscheidende Bedingung des Gedankens und Tuns“.

In einem anderen Vers sagt der Koran:

“Die Botschaft von Gott besteht darin, den richtigen Weg zu zeigen; der Mensch hat das Recht der Wahl.“

Oder wo er ganz deutlich sagt, dass der Charakter der Religion nicht auf Befehl und Zwang basiert:

“In der Sache der Religion gibt es keinen Zwang.“

Die Religion ist nicht eine Sache des Zwanges, sondern der Mensch hat mit der Kenntnis der Richtigkeit und Falschheit das Recht auf eigene Wahl.

In der persischen Sprache und Literatur, die unter dem Einfluss der religiösen Texte steht, wird dies ständig wiederholt.

Djalaleddin Mohammad Molawi Rumi, der persische Dichter, sagt: „Entweder höre auf darüber zu reden, oder sage es mir, damit ich zu Ende reden kann.“

Das ist die wichtigste Regel des Dialoges, sprich Freiheit. Der Mensch sollte damit in der Lage sein, solange er es für notwendig hält, zu forschen, untersuchen und zu fragen. Nichts sollte ihn – außer die vernünftige Analyse und der menschliche Verstand – daran hindern.

Hafiz, der große persische Dichter sagt: „Das Gespräch zwischen mir und meinem Geliebten hat kein Ende; was keinen Anfang hat, das hat auch kein Ende.“

Dies betont die Flüssigkeit und Beständigkeit des Dialoges. Mit anderen Worten: Solange der Mensch lebt und die Gabe der Existenz besitzt, sollte er niemals die Atmosphäre seiner Gedanken auf einen statischen und unbeweglichen Teich beschränken. Wenn dieses Ereignis passiert, verursacht es im Leben jedes Menschen seinen raschen geistigen Tod.

Das Gefühl, dass man nicht lernen will, ist vor allem unter denjenigen verbreitet, die wenig Wissen und Kenntnis besitzen. Die Schattierung des Wissens und der Unwissenheit verursacht ein solches mildes oder schwaches Gefühl in der Charakterstruktur des Menschen. In einem persischen Gedicht heißt es: „Deine Müdigkeit ist von deiner Unwissenheit; dein wirkliches Leiden ist diese Krankheit.“

Es scheint, dass man die Schädlinge des Dialoges auch in Betracht ziehen muss. Die Geschichte des Denkens hatte immer Schädlinge und Einschränkungen, die ich hier kurz erwähnen möchte:

1. Nicht vertraut zu sein Der Dialog ist vielschichtig; es ist möglich, dass er auf unterschiedlichen Schichten und Themen stattfindet. Deswegen sollten die Beteiligten des Dialogs sich kennen; wichtiger noch, sie sollten den Gegenstand des Dialogs genügend kennen und am Besten darin Experten sein. Andernfalls kommen kein Dialog, sondern lediglich Streit und Debatten zustande. Das Expertensein ist Bedingung des Dialoges. Einer der Gründe, die in der Vergangenheit für das Scheitern vieler Dialoge verantwortlich war, ist eben dieses Nichtexpertensein eines oder aller Beteiligten. Das verursacht grundsätzlich, dass die Beteiligten des Dialogs ihre Sprache, die im gegenseitigen Verstehen realisierbar ist, nicht begreifen.

2. Angst und Selbstzensur In einigen Fällen sieht man, dass trotz des Sachverstandes der am Dialog Beteiligten aufgrund der aus Charakterschwäche resultierenden Angst oder aber auch aufgrund der Elisionen und Atmosphäre in der Gesellschaft, nicht ernsthaft und offen an den Themen des Dialogs teilgenommen wird.

Der Mut und ein frisches vernünftiges Selbstbewusstsein sind die wichtigsten Voraussetzungen des Dialogs. So kann man seine Gedanken und Überzeugungen wissenschaftlich, freiheitlich und mutig verteidigen. Auf gleiche Weise kann man die Schwächen und Mängel seiner Überzeugungen durch Geduld ausgleichen und starke Überzeugungspunkte des Dialogpartners akzeptieren. Anders für diejenigen, die alle Antworten auf ihre Fragen bereits in ihrer Tasche haben und denen alle Geheimnisse und Themen der Welt bereits offenbart wurden oder die sich selbst am Ende des Weges sehen – für sie macht Dialog keinen Sinn.

Der Dialog ist ein Spielfeld der Menschen, die auf dem Wege sind, nicht aber der Menschen, die sich bereits am Ende des Weges befinden. Die Menschen, die auf dem Wege sind, definieren sich als diejenigen, die trotz ihres starken Glaubens an ihre religiösen, kulturellen, nationalen Überzeugungen die Wahrheiten der Existenz derartig tiefgründig, vielschichtig usw. betrachten, dass man sie nicht in ihren Händen gefangen halten kann.

3. Politisch-propagandistische Ausnutzung: Einige Leute versuchen nach wie vor, aufgrund ihrer Unkenntnis über die Funktion und Substanz des Dialoges, ihn politisch oder propagandistisch auszunutzen. So eine Herangehungsweise an den Dialog ist seiner schönen Natur fremd. Dass man auf dem Gebiet des Dialogs versucht, den Gedankenbau des Gesprächspartners zuminimieren oder seine Überzeugungen zu zerstören, ist der Identität und Substanz des Dialogs absolut fremd.

Auf dem Gebiet des Dialogs wird nicht gestattet, jemanden zu verurteilen oder gar zu überzeugen. Es wird auch nicht versucht, ihn von seinem einmal eingeschlagenen Weg abzuhalten, sondern das einzige realisierbare Ereignis darauf ist, der logisch-vernünftige Ausdruck sowie das Angebot der Überzeugungen und Weltanschauungen. Mit anderen Worten, man soll damit Überzeugungen wissenschaftlich und mit Neugier wiedergewinnen, um sie zu erweitern, begründen und zu verbessern. Wenn ein solches gegenseitiges Verstehen erfolgt, dann werden alle Beteiligte am Dialog gewinnen. Alle haben Nutzen davon und die Menschheit profitiert schon von dieser Gegenseitigkeit. Manche Leute verstehen den Dialog nur als ein politisches Instrument. Solch eine begrenzte Sicht von der Kommunikation verursacht, dass die Atmosphäre des Dialogs unrein, unsicher und letztendlich unterdrückerisch wird. Sie benutzen den Dialog als eine Falle oder einen Hinterhalt, um die Gedanken zu schwächen oder zu beseitigen. So vergehen sie sich an der Welt der Gedanken und der Vernunft. Sie haben nicht genügend Sachverstand, weil ihre Sicht von der Sache unterdrückerisch ist, weil sie mit der Zunge der Rhetorik das Feld betreten, nicht aber mit offenen Ohren. Sie laden den anderen zum Hören ein, nicht aber dass die anderen die Möglichkeit bekommen, ihre Überzeugungen zu verdeutlichen. Das ist kata-strophal. Ein persisches Gedicht sagt: “Solange der Mann kein Wort ausgesprochen hat, bleiben seine Mängel und seine Kunst im Verborgenen.“

Der Dialog hat noch eine gute Eigenschaft, dass man zu einem Bild und Verständnis der Anderen sowie zu seinen eigenen Überzeugungen und zu seiner Weltsicht gelangt. Diese Art der Sichtweise von außen und äußere Analyse der eigenen Gedanken besitzt aus ganz unterschiedlichen Gründen höhere Wichtigkeit. Andererseits ergibt sich die Gelegenheit für den einzelnen, seine Überzeugungen zu überdenken und sie neu gewinnen zu können. Dies trägt entscheidend zur Verbesserung, Reifung und Stabilisierung der eigenen Gedankenstruktur bei. Sie wird dadurch nicht geschwächt bzw. zerstört, im Gegenteil. Im Angesicht der Kenntnis über die Stabilität, Ethikpräsenz und Vollkommenheit des Islams sollten wir niemals Angst vor dem Dialog haben. Angst kommt von Schwäche, nicht von Kraft und Stärke.

Frage: Die Voraussetzung für die Durchführung des Dialogs ist die Errichtung einer besonderen Atmosphäre, in der man sogar die ersten selbstverständlichen Überzeugungen überprüfen und daran Kritik ausüben kann. Mit anderen Worten, muss man das Feld der Infragestellung auch auf die Selbstverständlichkeiten und bewiesenen Tatsachen erweitern? Sehen sie im Islam solch eine Atmosphäre und Gelegenheit?

Mohamad Razavi Rad: Man muss die Frage beantworten, welchen Stellenwert der Islam dem Fragen einräumt und warum viele religiöse Personen und Gesellschaften das Fragen bezüglich der religiösen Überzeugungen nicht verkraften. Entscheidende interreligiöse Reaktionen und Zeugnisse reflektieren diese Wahrheit, dass der Islam niemals das Tor des Hinterfragens oder Fragens geschlossen hält. Vielmehr sind die Grundsätze des Islams selbst ein Produkt des Fragens. Das Fragen ist eine Forderung, ein Wollen; wenn es nicht der menschlichen Würde sowie dessen Stellenwert entspricht, warum sollte man dann eine Religion daraus konstruieren.

Die Geschichte und praktischen Methoden der Propheten, Imame und Großen des Islam zeigt uns, dass sie alle fragende Personen waren. War unser erster Prophet Adam etwa keine fragende Person? War Abraham etwa keine fragende Persönlichkeit? War unser Prophet Muhammad etwa nicht ein außerordentlich fragender Geist? War die Parole von Imam Ali etwa nicht deutlich genug: „Fragt mich bevor ihr mich vermissen werdet.“ Im Gegenteil, nirgendwo werden Schweigen und Ruhe gefordert oder das Vermeiden des Fragens betont.

Der Koran als Träger des islamischen Gedankens sagt:

“Frohe Nachricht sei denjenigen gegeben, die die Worte hören und die besten von ihnen auswählen.“

Selbstverständlich ist der Islam selbst eine Idee, eine These, ein Gesichtspunkt und macht hier keine Ausnahme. Demzufolge sind alle Muslime verpflichtet, nach ihrer Fähigkeit, alle religiösen Überzeugungen zu untersuchen und sie nach Feststellung ihrer Richtigkeit bewusst auszuwählen.

Selbstverständlich ist der Islam selbst eine Idee, eine These, ein Gesichtspunkt und macht hier keine Ausnahme. Demzufolge sind alle Muslime verpflichtet, nach ihrer Fähigkeit, alle religiösen Überzeugungen zu untersuchen und sie nach Feststellung ihrer Richtigkeit bewusst auszuwählen.

Der Koran sagt: “In der Religion gibt es keinen Zwang, aber Wir haben den Weg der Entfaltung und Entgleisung für alle klar markiert.“

Die Angst vor dem Fragen gehört denjenigen an, die in ihrem Innern und in ihren Gedanken Schwäche und ein Vakuum fühlen. Die Logik des Korans ist keine schwache, er sagt:

“Dieser Koran führt auf den aufrichtigen Weg, auf dem keine Schwäche und keine Mängel existieren.“

Der aufrichtige Weg, ist ein Weg, der begründet und gerechtfertigt ist und logische Antworten auf logische Fragen in sich trägt. Jeder Vertrauter mit dem ABC des islamischen Gedankens weiß sehr wohl, dass im Horizont der religiösen Gedanken niemals Zwang, Beherrschen, Aufzwingung oder Einladung zum blinden Akzeptieren existiert. Dies ist grundsätzlich einer der Unterschiede zwischen dem Islam und anderen Religionen. Der Islam setzt die Kenntnis als grundsätzliche Bedingung für den Glauben und die Überzeugung voraus.

Der Koran sagt: “Schlage nicht einen Weg ein, den du nicht kennst.“

Nun, mit welcher Logik lädt Gott die Menschen blindlings zu sich ein und sagt ihnen, wenn ihr auch nicht versteht und begreift, solltet ihr es glauben. Nach den klaren islamischen Texten ist der religiöse Mensch über die Prophetie hinaus verpflichtet, auf dem Gebiet des Denkens und Fragens mutig zu sein. Er soll die Strecke des Staunens mit dem Suchestock zurücklegen. Das Leben hat kein anderes Geheimnis als dieses.

Wir sollen auf alle diese Fragen, die uns beschäftigen, würdige Antworten geben. Imam Ali deutet sehr schön auf drei grundsächliche Säulen des Fragens hin und er betet für diejenigen, die sich um die Bereitstellung der akzeptablen und logischen Antworten bemühen: „Selig sei derjenige, der sein woher-er-kommt, wo-er-ist und wohin-er-geht findet und versteht.“

Kann man diese Wahrheiten ohne Fragen verstehen? Demzufolge ist der Islam nicht nur nicht gegen Hinterfragung, sondern versteht die Hinterfragung als den Rahmen für die Herauskristallisierung der Wahrheiten in den Individuen und Gesellschaften. Wenn sie hier und da sehen, dass gegen Hinterfragung argumentiert wird, so hat dies nichts mit der Religion zu tun. Das ist ein Ergebnis des Missverstehens der Religion. Dies kann sich an jedem Ort und in jeder Gesellschaft ereignen.

Wir finden im Kontext der Religion das Fragen als erquickende Quelle des Fortschrittes, der dynamischen Bewegung, Erneuerung, Schöpfung sowie Erscheinung der Kreativität. Sogar die Entfaltung des religiösen Lebens hat ihre Wurzel in einer solchen Auseinandersetzung mit der obigen Relevanz.

Dieser Mensch sieht seine Welt und seine Bedürfnisse an die Flüssigkeit, Beweglichkeit, Dynamik und Veränderlichkeit der Zeit angepasst, neu und frisch. Jeder Moment von ihr wird neu angepasst, mit einem neuen Gesetz und erfordert eine neue Frage, eine neue Antwort, sogar einen neuen Atem. In jedem Moment werden wir neu und die Welt auch. Jeder, der vom Zug der Lebenserneuerung zurückbleibt, ist so vom Leben selbst zurückgeblieben; er wird sicherlich Schaden erleiden.

Wie schön hat der Heilige Masum gesagt: „Wenn von jemandem zwei seiner Tage oder Augenblicke gleich sind, so ist er im Zustand des Verlustes.“ An anderer Stelle sagt er: „Wenn von jemandem der folgende Moment schlechter ist als der vorausgegangene, dann ist er nicht nur ein Verlierer, sondern vielmehr ein Verfluchter.“

Deswegen muss man sich mit der Zeit bewegen oder wenn möglich, sie sogar überholen. Ein persisches Gedicht sagt: „Du hast jeden Moment ein neues Kleid, obwohl dessen Alter lang ist.“ Es ist klar, jedes “Neue“ zieht Fragen nach sich und man muss nach Antworten suchen. Neues Verleugnen, neuer Boykott, neue Ablehnung, neues Ignorieren und Zensur scheinen keine logischen und vernünftigen Lösungen zu sein. Man muss mit offener Brust und herzlicher Umarmung den Fragen begegnen und inmitten der Fragen die neuen Geheimnisse der Schöpfung anschauen. Gleichzeitig sollte man mit der Zeit eine prächtige Zukunft gestalten. Die Großen der Religionen waren derartige Menschen, die nicht nur Fragende waren, sondern solche, die in vielen Fällen mit neuen Fragen das schlafende Innere der Menschen wachrüttelten und so vom Gesicht ihrer Seele den Staub der Unwachsamkeit entfernten. Die Geschichte von Abraham (Gottes Friede sei mit ihm) zeigt uns diese Botschaft. Er zerstörte mit der Axt die Götzen und legte dann die Axt auf die Schulter des größten Götzen. Er schaffte neue Fragen mit dieser schönen und symbolischen Handlung. In vielen Fällen ist das Erschaffen der Fragen selbst erkenntnisreich und aufklärerisch. Manchmal entfaltet die Frage sozusagen die Antwort in ihrem Herzen. Abraham hat mit dieser Handlung den Menschen mit einer großen Frage konfrontiert: entweder muss man akzeptieren, dass der größte Götze die kleineren Götzen zerstört hat oder man muss zugeben, dass die Götzen nichts anrühren können. Mit dieser begründeten und gerechtfertigten Frage führt er viele zum Monotheismus. Wenn nun der Magen der Religion die Hinterfragung, das Andersdenken und die Fragenschaffung nicht verdauen kann, wie kann sie dann mit den fragenden Geistern wie Abraham und Andersdenkenden, sowie Fragenden gleich ihm umgehen? Die praktische Methode der Propheten macht unsere Aufgabe klarer, die Stiefel der Verantwortung anzuziehen, mutig im Felde des Denkens zu sein und die Unendlichkeit des Staunens mit dem Stock der Erforschung, des Andersdenkens und des Fragens in die richtige Richtung zu ergründen, was nichts anderes ist, als das Erhaschen der Wahrheit.

Man darf sich nicht von dieser großen, menschlichen Botschaft und Verantwortung zurückziehen, sie vernachlässigen, mit der Begründung, dass das Brot des Alltags wichtiger ist als sie. Oder man denkt, man muss auf irgendwelche illusorischen Erfüllungen der Interessen bedacht sein. Freilich führt dies zum Sumpf der Rückständigkeit und des Elends.

Die religiöse Existenz und die Rehabilitierung des religiösen Denkens können dann realisiert werden, wenn die Religion und die religiösen Überzeugungen mit der Zeit Schritt halten. Sie sollten sich sogar schneller als die Zeit bewegen. Sie müssen mit Hilfe der fragenden Eigenschaft des Menschen gründliche Schritte in die Richtung der Begründung sowie Ergründung der religiösen Überzeugungen tun. Andernfalls werden sie verdorren, isoliert, unverständlich und letztendlich wandeln sie sich zu einer Randreligion bzw. zu einem Mitläufer oder Zuschauer. Man erkennt leider teilweise dieses Schicksal in vielen europäischen Ländern.

Es existiert zur Zeit eine Religion, die einst in vielen Bereichen etwas zu sagen hatte, aber heute zurückgedrängt ist, an den Rand der gesellschaftlichen, gedanklichen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen Umwälzungen und sich auf ein undynamisches Leben beschränkt hat. Sicherlich hätte sie niemals das heutige Schicksal erlitten, wenn die Wissenschaftler der Religionen im Westen, mit ihrer starken, wissensbezogenen, freudigen und wichtigen aktiven Präsenz in die Richtung des Erreichens eines aktuellen und übersetzbaren, funktionierendem Bild von ihr, adäquat mit materiellen, ideellen Bedürfnissen der Menschen, gearbeitet hätten. Wie und wann kann man mit dieser Logik vorangehen, wonach man sie, trotz Unverständnis der religiösen Wahrheiten, praktizieren soll, um sie zu verstehen. Kann man die Rationalität der Religion abstrahieren? Kann man, ohne Rücksicht auf die fragende Eigenschaft des Menschen, etwas zu Stande bringen? Gott, als Schöpfer der Menschheit kennt sehr wohl ihre höheren Eigenschaften, und er lädt die Menschen zum Fragen ein. Darüber hinaus schafft er im Koran eine Atmosphäre des Fragens:

“Ist etwa Zweifel über Gott, dem Hervorbringer des Himmels und der Erde.“ (S. 10, V. 14)

“Sind etwa diejenigen, die wissen, gleich wie die, die nicht wissen.“ (S. 39, V. 9)

“Meint der Mensch etwa, dass er sich selbst überlassen wird.“ (S. 75, V. 36)

“Soll ich auf einen Handel hinweisen, der euch von einer schmerzhaften Strafe erretten wird.“ (S. 61, V. 10)

Diese Methode ist eine akzeptable, nützliche Methode. Nur ein Schöpfer der Fragen, der zum Fragen einlädt, kann diese Notwendigkeit der menschlichen Natur, die er selbst in ihrer Substanz hinterlassen hat, negieren.

Der Gedanke, dass die religiösen Überzeugungen nicht zu hinterfragen sind und die Bemühung, ihn zu begründen und zu rechtfertigen bleibt ein vergebliches Unterfangen ohne Ergebnis und findet keine religiöse Bestätigung.

Ich hoffe, diese kurze Diskussion konnte uns zur bewussten Wiedergewinnung der religiösen Existenz einladen, um so die religiösen Überzeugungen zu erlangen, weil es einen Unterschied zwischen einer Religion gibt, die wir durch den Automatismus erreicht haben und einer die wir auf dem Feld der Erforschung der Gedanken erlangt haben. Die erste ist vergänglich, unbeständig, unfähig, zerstörbar und die zweite ist beständig, dynamisch, freudig und entfaltet sich. Es ist klar, welche Religion im komplizierten “Auf und Ab“ der modernen Welt unsere Hand anfassen und uns von jeglicher Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit fernhalten kann.

Quelle:
© Institut für Human- und Islamwissenschaften e.V.
Dialog Zeitschrift für Interreligiöse und Interkulturelle Begegnung
Jahrgang 5 • Heft 9 und 10 • Jahr 2006

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