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Religiöse Identität und Pluralismus

Raimon Panikkar 

 

I. Das Erfordernis unserer Zeit
Die vergangenen hundert Jahre

Die Chicagoer Hundertjahrfeier des Weltparlaments der Religionen war nicht nur ein Gedenktag für die Vergangenheit sondern auch eine Feier für die Gegenwart und eine Herausforderung für die Zukunft. Jeder dieser drei Zeiträume hat etwas damit zu tun. Wir befinden uns in einer heiklen Situation. Während der vergangenen hundert Jahre wagte maßgeblich die akademische Gemeinde einen bedeutsamen Schritt. Im Großen und Ganzen sind die Tage des Misstrauens und des Exklusivismus vorüber. Wir kennen und achten nunmehr einander. Wir müssen deshalb zugeben, dass die Intellektuellen wahre Pionierarbeit geleistet haben.

Äußerlich (politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich etc.) jedoch hat sich die Welt nicht sonderlich gebessert. Religiöse Institutionen hinken den Herausforderungen unserer Zeit immer noch hinterher. Überall herrschen religiöse Fehden und Gewalt. Auf allen Kontinenten gibt es dafür zahlreiche Beispiele.

Könnte es sein, dass die religiösen "Parlamente" bis jetzt nichts weiter gewesen sind als Parlamente, aber keine Taten? Könnte es sein, dass der Mangel an Taten auf einen Mangel an Überlegungen zurückzuführen ist? Dies sollte eine Warnung für uns sein. Vielleicht brauchen die Religionen selbst eine "Bekehrung".

Könnte es sein, dass wir Religionen wie überwiegend soziologische Konstruktionen behandeln und eine irreligiöse Vorstellung von Religionen entwickelt haben? Haben wir unter den Einflüssen vermeintlich wissenschaftlicher Ideologien und politischer Auseinandersetzungen nicht etwa vergessen, dass Religionen mehr nicht weniger sind als Ansammlungen von Doktrinen und Zusammenkünfte von Völkern oder dass wir lediglich ihre guten Seiten sehen und ihre Schattenseiten übersehen?

Liegt es am Fehlen der mystischen Dimension? Vielleicht sollten wir uns auf den Boden niederwerfen, still verharren und nur aufstehen, um hinaus auf die Straßen und Plätze der Welt zu gehen, welche einst von der Macht des Heiligen Geistes erfüllt waren.

Dies ist kein Vorwort sondern der Kern meiner Erörterung. Da es sich um eine Erörterung handelt, werde ich auch bestimmte Begriffe erörtern.

Ein Religionsparlament sollte ein Parlament sein, das eine Parabel der Religionen darstellt: ein "SeiteanSeiteStellen (paraballein) der unterschiedlichen Religionen der Welt, nicht wie in einem Supermarkt sondern eher wie in einer Agora, einer Versammlung für den Austausch von Wissen, für gegenseitige Anregung und Bereicherung bis hin zu einer möglichen reziproken Belebung und Erweckung von Tatendrang dank neuer Einblicke. Wir sollten deshalb mit einer neuen und authentischen Parabel hervortreten.

Als die Menschen begannen, in einen vertrauteren und engeren Kontakt zu ihren religiösen Bräuchen zu treten als nur durch Scharmützel auf dem Schlachtfeld oder in flüchtigen Begegnungen, entstand eine vollkommen neue Situation: Die Religion unseres Nachbarn, der nicht mehr jenseits der Berge oder Meere lebt sondern direkt um die Ecke oder nebenan wohnt, stellt eine unausweichliche Frage, die sowohl den Umgang mit dem Nachbarn als auch den Umgang mit meiner eigenen Religion betrifft. Man kann es kaum vermeiden zu vermeiden, zu beurteilen und hin und wieder zu entscheiden.

Ich entdecke drei Arten von Reaktionen. Jede davon würde ich anfechten.

a) Die aggressive Haltung. Unsere Religion ist besser, überlegener, der ultimative Weg, um ein wirklich menschliches Leben zu führen, das zu Vervollkommnung und "Erlösung" führt. Die grobe Bezeichnung dafür lautet Exklusivismus.

Doch es gibt noch ein anderes, angenehmeres Wort dafür: Evolutionismus. Die anderen Religionen sind nicht unbedingt falsch, aber es sind Religionen, die sich "noch in der Entwicklung" befinden, wie die selbsternannte "Erste Welt" immer noch offiziell die übrigen zwei Drittel der Menschheit bezeichnet. Die anderen Religionen wären dann nicht alle falsch sondern eben noch auf dem Weg, "unsere" Entwicklungsstufe zu erreichen. Wir befinden uns am Anfang einer linearen Evolution, vom Pithecanthropus erectus bis hin zu uns.

Theologen würden es wahrscheinlich mit einer bewundernswerten Aussage erklären: "Wir alle sind verwirklichte Seelen; wir (oder eher die Anderen) wissen es nur nicht; wir gehören alle zu der unsichtbaren umma, Gemeinde, (obwohl selbstverständlich nur wir, nicht die Anderen, die sichtbare kennen); wir sind alle gleich; die Massen zanken sich um Lappalien, doch wir zählen zu den Wenigen, die es wissen; es gibt nur einen Gott für alle, doch natürlich ist unsere Auffassung von Ihm die beste; wir alle sind Sünder, doch nur wir wissen, wie man Buße tut."

b) Die regressive Haltung. Sämtliche Religionen operieren lediglich auf einigen archaischen Ebenen des Bewusstseins und drücken sich auf unterschiedlichen Sprachen in einer großen Anzahl von Schriften aus. Abweichungen sind zufällig, und letztlich ist auch der innere Kern nur eine Illusion. Religion ist so gut wie. Die grobe Bezeichnung dafür lautet also Indifferentismus.

Ein milderes Wort dafür ist Toleranz. Wir tolerieren die Religionen, weil sie weder mächtig noch wichtig genug sind, unseren angenommenen oder auferlegten Status quo umzustoßen. Aus der letzten Analyse ging die Religion meines Nachbarn als "nicht bedrohlich" hervor, da auch meine eigene Religion selbst keine Herausforderung darstellt. Religion wird zur Nebensache und zu einer privaten Frömmigkeit ohne jegliche Relevanz für die Öffentlichkeit. "Parlament der Religionen"? Das geht uns nichts an! Offensichtlich haben die Teilnehmer gerade nichts Besseres zu tun. Unterdessen lenken wir die Welt in andere Bahnen. Ein weiterer Gesundheitshinweis für so manch einen: Wir können uns alle darauf einigen, uneinig zu sein, denn schließlich spielt es ja keine Rolle.

c) Die progressive Haltung. Wir haben inzwischen gelernt, dass es keine absolute Wahrheit gibt, dass die Wahrheit auf alle Seiten und alle Religionen verteilt ist. Nun müssen wir die Dinge selber in die Hand nehmen, Entscheidungen fällen, unsere Entschlüsse bestimmen und eine eklektische Mischung hervorbringen, die unsere Bedürfnisse erfüllt und uns erlaubt, andere Menschen respektvoll zu behandeln und uns jenen Fundamentalisten aller Arten in gewisser Weise überlegen zu fühlen.

Einige Leute mögen die dritte Reaktion als "pluralistische" Religion bezeichnen, die für eine "pluralistische" Kultur wie die unsere nötig ist. Nicht ohne triftigen Grund hat dieses Parlament das Problem des Pluralismus als "wesentlichen Punkt" festgelegt.

Niemand besitzt das alleinige Anrecht auf Worte, aber aus demselben Grund ist jeder berechtigt, sie frei zu verwenden, solange man die ihnen zugeschriebenen Bedeutungen dabei genügend schildert. Ich gestehe, dass das Wort "Pluralismus", wie ich es seit mehr als einem Vierteljahrhundert verwende, anfällig ist, andere semantische Felder als das exklusivistische, das indifferente und das eklektische zu denotieren und zu konnotieren.

Ich sollte vielleicht darauf hinweisen, dass es zwar keine pluralistische Religion gibt, aber es gibt eine pluralistische Einstellung zu Religionen. Die Frage berührt die Fundamente unserer dominanten Kultur und bringt uns an den Rand einer unentbehrlichen Veränderung unserer Zeit. Die ursprüngliche Bedeutung der Religion wird hier in Frage gestellt. Religionen können nicht das Individuum "retten", indem sie es aus dem Menschsein befreien. Sie können nicht die Menschheit "retten", indem sie menschliche Wesen von der Erde vertreiben. Doch bevor wir uns eindringlich damit befassen, sollte ich einige Dinge verdeutlichen.

Die Rolle und die Gefahr von Etikettierung

Ich habe den Eklektizismus, verstanden als Cocktail aus vielen Stückchen verschiedener Religionen, kritisiert. Aber die Alternative ist weder starre Unbeweglichkeit noch das, was ich die "Tyrannei der Etiketten" nennen würde.

Dingen und Ereignissen Namen zu geben, ist ein menschliches Vorrecht. Doch das Benennen bedeutet viel mehr als Dingen Etiketten zu verleihen. Die letztere Aktivität gehört zu einer sekundären Rolle des Verstandes: dem Kalkül. Diese Quantifizierung hat in manchen Kulturen die Oberhand gewonnen und zu etwas geführt, was ich als "klassifikatorische Manie" bezeichne, wovon uns die moderne Wissenschaft das beste Beispiel liefert: Wenn man ein anderes Atomgewicht in einem Atom entdeckt, welches jedoch das des Wasserstoffs sein sollte, da es in Mendelejews Periodensystem seinen Platz einnimmt, gibt man ihm einen anderen Namen und nennt es fortan WasserstoffIsotop, um das Deuterium vom Wasserstoff zu unterscheiden. Wir geben einer bestimmten Säure ein Etikett, schreiben also H2SO4 und nennen sie Schwefelsäure. Finden wir jedoch eine ähnliche aber schwächere Säure, weil ihr ein Sauerstoffatom fehlt (H2SO3), nennen wir sie schweflige Säure. Etiketten sind monosemantisch. Sie besitzen nur einen Bezug.

Namen jedoch weisen eine größere Flexibilität auf. Sie sind polysemantisch. Eine bestimmte Lebensweise und Zusammensetzung aus Glaubensinhalten einer Gruppe von Juden und Griechen in Antiochien vor zweitausend Jahren wurde Christentum genannt. Das, was wir heute mit demselben Namen bezeichnen, hat an atomarem und sogar molekularem Gewicht enorm zugenommen. Dennoch nennen wir es weiterhin beim selben Namen. Zuweilen fügen wir gar diverse Zusätze wie "römisch", "griechisch", "protestantisch" oder "anglikanisch" hinzu, aber nicht allen Christen können wir individuelle Etiketten verleihen. Die Klassifizierung würde ihren Endzweck verfehlen.

Das Christentum bezeichnet lediglich eine bestimmte familiäre Ähnlichkeit, doch diese Gleichartigkeit ist heute schon längst nicht mehr monosemantisch. Oft durchbrechen Ähnlichkeiten die familiäre Linie: Es mag durchaus eine größere Analogie zwischen einem protestantischen und einem katholischen Aktivisten als zwischen einem römischkatholischen und einem liberalen Fundamentalisten bestehen. (Mit "Fundamentalisten" meint der Autor hier die Anhänger der gleichnamigen strenggläubigen Bewegung in den USA gegen Bibelkritik und Naturwissenschaft. (d. Ü.))

Mit "Fundamentalisten" meint der Autor hier die Anhänger der gleichnamigen strenggläubigen Bewegung in den USA gegen Bibelkritik und Naturwissenschaft. (d. Ü.)

Die gegenwärtige Situation

Wie können Wörter ihre Bedeutungen ausdehnen? Oder, um zu unserer Frage zu gelangen, wie können wir unsere religiöse Identität behalten und für eine pluralistische Haltung offen sein? Müssen wir auf unsere Konfession oder spezielle Glaubensinhalte verzichten, um pluralistisch sein zu können, und nur eine generelle Religiosität billigen, wie dies bei den Traditionen der Fall ist? Dies ist unser Problem: Pluralismus und religiöse Identität.

Diese Frage ist weder rhetorisch noch bloß akademisch gemeint. Sie ist von größter Signifikanz, insbesondere heutzutage. Die religiöse Identität wirkt sich direkt auf die ethnische, politische und nationale Identität aus. Der farbige Amerikaner in den Vereinigten Staaten, die Geschehnisse in Nord Irland, auf dem Balkan und in Indien sind alarmierende Beispiele dafür, dass mit religiöser Identität nicht nachlässig und unverantwortlich umgegangen werden darf. Akzeptieren die Religionen, dass die Welt dreißig Millionen Soldaten benötigt und 60 Prozent ihrer Ressourcen für Kriege vergeuden? Übersehen die Religionen die Tatsache, dass 20 % der Menschen 85 % Prozent der Energiequellen verbrauchen, verwalten und vergeuden? Und dass ein Land wie Thailand nur dank Prostitution bestehen kann und Kolumbien und Bolivien hauptsächlich durch den Anbau von Drogen? Wenn die Welt brennt, wie können die Religionen solchen Themen nur ausweichen? Das heutige Problem ist eine Frage über Leben und Tod. Ist das denn kein religiöses Thema?

II. Der Pluralismus
Die angeblichen Gefahren des Pluralismus

Bevor ich erläutere, was ich unter Pluralismus verstehe, lassen Sie mich die wirkliche Situation der Mehrheit der religiösen Menschen dramatisieren:

Fahren Sie nach Chicago? Sie müssen sehr wohlhabend sein und viel Freizeit haben, um über Religion sprechen zu können, und wenig Zeit, um Ihre konkrete, begrenzte, aber reale Religion zu praktizieren.

Werden Sie eine Wahl veranstalten wie in einem Parlament, damit sie herausfinden, wo die religiöse Wahrheit vertreten ist? Werden Sie anhand der Mehrheit entscheiden? Werden Sie um des menschlichen Verstandes willen alle Verfügung einem höheren Wesen überantworten, welches angeordnet haben könnte, dass es nicht nur Kühe, Rosen und Felsen geben soll sondern auch auserwählte Leute, Träger der göttlichen Offenbarung und Verantwortliche für die göttlichen Erlasse. Eine Kuh empfindet es nicht als göttliche Ungerechtigkeit, dass sie keine Rose ist, und kein Jude oder Parse fühlt sich überlegen, weil er einer Minderheit angehört.

Wie lauten die Regeln für das Spiel Ihres Parlaments? Ein profanes Haus der Unterredungen, das es wagt, sich mit heiligen Dingen zu befassen? Eine egalitäre Agora, in der Atheisten, Animisten, Gläubige einer göttlichen Offenbarung und Leute, die sogar den Gedanken daran verabscheuen, unter Missachtung der Geschichte der Menschheit und der göttlichen Wirklichkeit auf ein und dieselbe Stufe gestellt werden sollen? Sie diskutieren nicht über politische Anrechte oder eine bestimmte menschliche Würde. Sie sollen über religiöse Rechte diskutieren und versuchen, religiöse Gerechtigkeit walten zu lassen, und zwar sowohl über jene, die keinerlei theistische Einmischung in menschliche Angelegenheiten dulden, als auch jene, die fest davon überzeugt sind, dass der theistische Faktor in jedem vernünftigen Gespräch über die Realität ein entscheidendes Element ist. Wie können alle auf einer Stufe agieren, ohne dabei einander zu enttäuschen?

Ist eine demokratische Arena das passende Instrument, um sich mit theokratischen Themen zu befassen? Oder ist der Pluralismus das Strategem, mit dem man die Leute veranlasst, ihre eigene Identität aufzugeben, um eine neue Weltordnung zu schaffen, in der alle Katzen grau und alle Unterschiede unter dem Vorwand der Toleranz und des Friedens beseitigt sind?

So spricht das purvapakshin; so lautet der Einwand. Kurz gesagt: Bedroht der Pluralismus unsere religiöse Identität? Ist sie ein Verrat an der Religion, eine Aufgabe der Rechte der Wahrheit?

Einige Definitionen

Im Kontext mit unserem Problem könnten wir Tradition als das verstehen, was den Hintergrund für unsere kulturelle Identität liefert, und Religion als das, was unsere eigene höchste Identität bewerkstelligt. Dies ist nur innerhalb einer Tradition möglich. Tradition und Religion sind nicht synonym, doch sie sind eng miteinander verknüpft. Die höchsten Aussagen einer Tradition werden von ihrem religiösen Kern gebildet. Religion verleiht jeder Kultur ihre Aussagekraft, und Kultur verleiht jeder Religion ihre Sprache ohne dies an dieser Stelle näher zu erläutern.

Der Pluralismus, wie ich schon des öfteren betont habe, ist der äußerste Versuch, mit Verschiedenheit umzugehen, ohne die Rationalität außer Acht zu lassen. Sie ist das Ergebnis der realistischen und ausgereiften Reaktion des Intellekts, welcher nach Assimilation der kumulativen Erfahrung des Menschen aus den vergangenen sechs bis acht Tausend Jahren zu der Einsicht gelangt, dass die empirische Vielfalt der Dinge weder auf eine intellektuelle Einheit reduziert noch in einer zusammenhanglosen Pluralität allein gelassen werden kann: diversitatis splendor.

In der Tat ist die scheinbare Vielfalt der Entitäten auf eine intelligible Einheit im Begriff oder in der Idee reduziert. Sie stellt das Problem der Universalien dar. Doch wenn wir nicht das gesamte ontische Gewicht auf die Idee verlagern, indem wir die Dinge vermehrt auf Erscheinungsbilder beziehen, das heißt, wenn wir uns nicht einem radikalen Monismus verschreiben, müssen wir anerkennen, dass der Begriff oder die formelle Struktur einer Sache eine geistige Abstraktion ist, die ein Stück Realität aus dem Bild herausgelassen hat. Es gibt viele grüne Gegenstände, aber die Farbe Grün ist bloß ein Begriff, der nicht auf einen einzelnen grünen Gegenstand beschränkt ist. Oder wir könnten das zweitrangige Bespiel der vielen Farben anführen, um unnötigen Problemen vorzubeugen. Doch Farbe ist keine Farbe; sie hat eine Farbe. Grün oder Blau sind Farben. Farbe ist nur eine Abstraktion, eine Verallgemeinerung, ein gemeinsamer Nennwert oder Charakter für alle Farben.

Wir können nicht alle Farben in einer Superfarbe kombinieren. Wir erkennen Farben, und wir könnten sogar einen Begriff von Farbe haben aber Farbe existiert nicht. Es gibt lediglich den Begriff der Farbe. Einige würden sagen, dass Farbe für die Essenz der Farbe stehe, doch diese angebliche Essenz der Farbe, wie sie in grün oder blau realisiert sein könnte, ist immer noch nicht identisch mit Grün oder Blau.

Es mag eine Essenz der Religion geben. Ich bezweifle es, doch aus diversen Gründen müssen wir dies wegen des Arguments voraussetzen. Der Islam beispielsweise jedoch ist nicht identisch mit der Essenz der Religion. Der Islam ist ein besonderer Weg für die Verwirklichung dieser Essenz, welcher sich von dem Weg unterscheidet, auf dem der Taoismus diese, angenommen, selbe Essenz "verwirklicht". Die Riten, Doktrinen und Stimmungen dieser zwei Religionen sind verschieden, miteinander inkompatibel. Der bloße Begriff der Religion deckt nicht alles ab, was der Islam oder der Taoismus beinhalten.

Pluralismus zwischen Monismus und Dualismus

Ich stelle drei Aussagen in den Raum:

a) Pluralismus ist nicht bloß Pluralität. Dies ist eine Tatsache. Es gibt viele Farben. Sie sind zueinander irreduzibel. Wollten wir sie zusammenfassen, könnten wir es nicht auf intelligible Weise tun, ohne dabei eine Farbe auf eine andere zurückzuführen. Die Idee der Farbe ist eine Abstraktion, ein formeller Begriff, eine Universalie, doch nicht identisch mit dem Gegenstand. Der tatsächliche Gegenstand ist eine konkrete "spezielle Farbe" für sich.

Es gibt auch viele Religionen. "Lasst Tausend Blumen blühen!" Das ist kein Pluralismus. Religionen sind nicht wie Blumen, da manche Religionen beanspruchen, von der ganzen Welt Besitz zu ergreifen, was das Blühen anderer Religionen unmöglich macht; sie wollen in einer Weise anwachsen, dass sie all die Blumen in ihrer Umgebung entwurzeln. Religionen sind auch nicht wie Blumen, weil einige doktrinäre oder moralische Inhalte der Religion nicht nur genauso verschieden erscheinen mögen wie eine Rose und eine Tulpe sondern kontradiktorisch wie eine Blume und etwas völlig anderes. Pluralismus ergibt sich, wenn die Vielfalt zu einem intellektuellen und existenziellen Problem wird, wenn ein Widerspruch akut wird oder Koexistenz absurd erscheint.

Pluralität bezieht sich auf Objekte; sie ist die Vielfalt der Objekte, die wir auf die eine oder andere Weise wahrnehmen. Eigentlich ist sie ein quantifizierbarer Begriff. Es kommt eben auf die Objektivität an.

Pluralismus hingegen ist nicht in erster Linie objektiv. Er sagt nicht direkt etwas über Objekte aus. Sicherlich basiert sie auf der Wahrnehmung von Pluralität, aber sie beinhaltet auch einen subjektiven Aspekt. Sie springt zurück zu dem wissenden Subjekt und findet die inhärenten Barrieren des Verfahrens der Intelligibilität. Pluralismus fällt auf das Subjekt zurück, sozusagen stößt das Subjekt mal auf eine hartnäckige Unverständlichkeit, mal stehen wir Aussagen gegenüber, die miteinander unvereinbar sind und jeder dialektischen Aufhebung trotzen. Anstatt in der objektiven Sackgasse steckenzubleiben, untersuchen wir, ob die Ursache nicht bei uns zu finden wäre, auf der Seite des wissenden Subjekts, letztlich in der Handlung des Wissens und der Natur des Wissens an sich. Es gibt keine Garantie dafür, dass Wissen das ultimative Kriterium für die ganze Realität sei, außer dass wir kein anderes haben. Wissen ist das ultimative Kriterium für die Wahrheit anhand der Definition von Wahrheit als Apperzeption des wissenden Handelns. Doch unser Kriterium sollte ein Kriterium der Realität sein und nicht nur der Intelligibilität. Ohne nun den Bereich der Rationalität zu verlassen, können wir sicher sein, dass diese Rationalität limitiert ist durch ihre eigene Annahme, dass nämlich Wissen das Kriterium für das Reale sei. Doch dies gewährleistet nicht, dass der Bereich des Realen mit dem Intelligiblen identisch sei dass die Sphäre des Seins mit der des Denkens kongruent sei.

b) Pluralismus ist irreduzibel zur Einheit sogar von einer höheren Anordnung. Die vielen Farben unserer empirischen Welt sind unter einer abstrakten Farbvorstellung zusammengefasst, die zu einer höheren Stufe der Abstraktion und somit zu einer niedrigeren Stufe der Realität gehört. Pluralismus ist keinesfalls Strukturalismus oder Formalismus. Wenn wir von Religionen im Plural sprechen, dann weil der Singular eine besondere Bedeutung in sich birgt. Doch diese Bedeutung kann nur formell sein. Was gibt uns das Recht, den Konfuzianismus mit dem Judaismus unter einem Begriff zusammenzufassen? Oder gar den Marxismus mit der Naturwissenschaft? Eine Vielfalt besteht lediglich aus homogenen Einheiten wie Farben. Wir sprechen von Pluralismus, wenn Pluralität nicht zu einer intelligiblen Vielfalt reduzierbar ist, das heißt, wenn es etwas gibt, was einer Einteilung in mehrere Einheiten trotzt; etwas anderes als bloß eine Einheit und etwas anderes als Vielfalt. Pluralismus läuft nicht darauf hinaus zu sagen, dass es "viele Farben" gibt, da "viel" nur etwas bedeuten kann, wenn wir wissen, was Farbe ist. Pluralismus läuft nicht darauf hinaus zu sagen, dass es Farben gibt, weil diese "eine" Farbe nicht existiert. Pluralismus ist eine realistische Einstellung, die versucht, das Ganze zu umfassen, ohne es auf die quantifizierbare Summe seiner Teile oder eine formelle Einheit oder was auch immer zu reduzieren, nachdem die Irreduzierbarkeit auf die Einheit deutlich geworden ist.

c) Pluralismus steht zwischen Einheit und Pluralität ohne jedoch zwischen ihnen dialektisch zu schwingen. Dialektik ist ein hervorragender Versuch, den Rationalismus nicht aufzugeben. Sie ist das vorübergehende Resultat von Hegel in der modernen Zeit, sei sie von idealistischer oder materialistischer Gestalt. Pluralismus hingegen vermeidet den Rationalismus, aber nicht die Rationalität. Er überwindet den Rationalismus, ohne zugunsten des Irrationalismus auf ihn zu verzichten. Er ist der rationale Versuch, der uns befähigt, die Grenzen der Vernunft intellektuell zu entdecken, da es faktisch unmöglich ist, alles auf die Einheit zu reduzieren (d. h. auf die Intelligibilität), ohne dafür in das gegenteilige Extrem der chaotischen Irrationalität zu verfallen.

Pluralismus unterscheidet sich von dem pragmatischen epoché, dem Ausschluss des Urteils, indem er auf eine eschatologische Lösung wartet und alle rationalen Entscheidungen auf ewig oder auf unbestimmte Zeit hinauszögert. Falls wir Rationalität im menschlichen Verhalten beibehalten müssen, können Entscheidungen nicht auf unbestimmte Zeit hinausgezögert werden. Gott würfelt nicht, sagte einst Einstein. Doch Gott kann durchaus mit mehr als ein Satz von Regeln spielen, was uns den Eindruck von reiner Zufälligkeit vermittelt. Pluralismus vermittelt Rationalität.

Aus diesem Grund ist der Pluralismus kein Supersystem. Niemand kann einem vermutlich pluralistischen System folgen, ohne gegen die Rationalität und das Prinzip der Widerspruchslosigkeit zu verstoßen. Ich kann an keinem Glaubenssystem festhalten, in welchem Gott sowohl die Welt erschafft als auch nicht erschafft. In der Tat existiert solch ein System nicht. Pluralismus ist eine Einstellung, die entsteht, wenn wir die Grenzen der Vernunft anerkennen und sie nicht mit den Grenzen des Seins gleichsetzen; wenn wir Denken und Sein nicht miteinander vergleichen, um Parmenides zu widersprechen, oder a priori die völlige Intelligibilität der Realität voraussetzen. Mit anderen Worten, der menschliche Verstand gelangt zu der Überzeugung vom Pluralismus, sobald wir unsere eigene Kontingenz entdecken, unsere eigenen intellektuellen Beschränkungen, und unsere Unfähigkeit nicht ausgleichen, indem wir unsere Frustration auf einen unendlichen Verstand projizieren, um uns zu versichern, dass unsere Unwissenheit lediglich die Unsere und vorläufig ist.

Die Existenz eines unbegrenzten Verstandes steht hier nicht zur Debatte. Was hier diskutiert werden soll, ist die Identifikation dieses unbegrenzten Verstandes mit der gesamten Realität. Ein allwissender Verstand weiß alles, was es zu wissen gibt, aber alles, was es zu wissen gibt, braucht nicht alles zu sein, was ist, es sei denn, wir postulieren freiwillig die völlige Intelligibilität der Realität.

Nach dem dreifachen Versagen, das sechs Tausend Jahre menschlicher Erfahrung erlebt haben, mögen wir dazu neigen, über die Rationalität und Plausibilität der pluralistischen Haltung nachzudenken:

Das historischpolitische Versagen, Frieden auf Erden zu schaffen, sollte uns ernsthaft darüber nachdenken lassen, ob das Parmenides'sche System, mit all seinen Variationen, das einzige Paradigma für Rationalität ist.

Das philosophischdialektische Versagen, nicht vereinbare Weltanschauungen und Philosophien auf ein einzelnes System der Intelligibilität zu reduzieren, kann nicht so einfach aufgeholt werden, indem man sagt, wir seien klüger als unsere Vorfahren und könnten jetzt mit Hilfe einer "universellen Theologie (oder Philosophie) der Religion" alle Aporien überwinden.

Das religiöskulturelle Versagen der Menschheit sollte uns gleichermaßen davon abhalten, in die unkritische Naivität zu geraten, dass unser Religionsparlament, oder irgendein anderes Parlament, sämtliche Religionen auf eine einzelne Religion zu reduzieren, in welcher wir glücklich miteinander leben sollen. Pluralismus entsteht, wenn wir die Relativität (nicht Relativismus) all unserer Begriffe, Einblicke und Überzeugungen erfahren und die unseres menschlichen Zustandes als solcher.

Die pluralistische Haltung ist die Frucht einer langen Schöpfungsgeschichte: Wir anerkennen unvereinbare Lebensstile und widersprüchliche Lehren. Zur selben Zeit sind wir von der Gediegenheit unseres eigenen Lebenswandels und der Korrektheit unserer Lehren überzeugt. Dennoch sind die verschiedenen Positionen zueinander irreduzibel, und wir können keine dialektische Aufhebung hinnehmen. Alles läuft auf das Eingeständnis hinaus, dass wir ernsthaft glauben, der Andere sei im Unrecht und manchmal sogar böse, obgleich wir die Anderen eigentlich tolerieren müssten. Sämtliche Bemühungen für die Einheit sind gescheitert, und dieses Versagen währt seit Tausenden von Jahren. Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, mit dem Gedanken zu spielen, aus dem "Krieg, der alle Kriege beenden wird", als Sieger hervorzugehen.

Die pluralistische Haltung entfernt lediglich den Stachel des Absolutismus auf beiden Seiten, eben weil wir gelernt haben, dass wir begrenzt sind und nicht absolut. Wir sollen mit allen legitimen Mitteln versuchen, die Anderen zu überwältigen oder zu überzeugen, doch da wir nicht absolute Träger von absoluten Werten (auf beiden Seiten) sind, gibt es immer noch Platz für ein mögliches gemeinsames Feld, eine gemeinsame Arena, in der wir uns selbst gegenüber stehen könnten, falls wir darauf bestünden und beharrten, eine zu finden. Kurz gesagt, wir sollten nie "Beziehungen abbrechen" selbst wenn dies nur auf den pluralistischen Teil zuträfe.

Pluralisten geben ihre persönlichen Überzeugungen nicht auf. Sie verabsolutieren sie nur nicht. Es gibt nicht nur den Nutzen des Zweifels. Es gibt ebenso auch den Verdienst des Anderen. Sogar jene, die behaupten, in Gottes Namen zu sprechen, können nicht vermeiden, in ihrem eigenen Namen und ihrer eigenen Sprache zu sprechen. Absolutus bedeutet nämlich wortwörtlich "unsichtbar", "unhörbar", "unaussprechbar", eben von Allem solutus also gelöst.

Pluralismus führt zu dem kritischen Bekenntnis des menschlichen Zustandes, und religiöser Pluralismus führt zu dem Eingeständnis, dass wir nicht das Absolute sind.

Pluralismus sagt nicht unbedingt aus, dass es mehrere wahre Religionen gibt. Er besagt nicht, dass es viele Wahrheiten gibt was ohnehin ein Widerspruch wäre. Die Wahrheit selbst ist pluralistisch, nicht Plural; d.h. es kommt auf den Kontext an, mit dem sie zu tun hat, und auf die Leute, für die sie (als) Wahrheit ist/darstellt (offenbart wird).

Pluralismus untermauert ganz einfach, dass es Glaubenssysteme gibt, Weltanschauungen, Philosophien oder Religionen, die inkommensurabel sind, also nicht mit den gleichen Maßstäben zu messen sind. Darüber hinaus fördert der Pluralismus die Etablierung bilateraler Abkommen den Dialog zwischen zwei solcher Systeme, um im Dialog den Verlauf und die Inhalte der Begegnung erarbeiten zu können.

Dies ist mehr als die Entdeckung des Anderen. Das Andere ist allzu oft nur die "andere" Version des Eigenen, seine Ergänzung, seine Begutachtung, doch letztlich seine Erschaffung. Das "Andere" wird sehr häufig an unsere eigenen Parameter des Begreifens angeglichen. Das "Andere" des Pluralismus ist nicht unser "Anderes" sondern ein anderes "Selbst", welches zu unserem "Selbst" und zu dem "Anderen" unseres ureigenen "Selbst" irreduzibel ist.

Gibt es irgendeine Art der möglichen Beziehung außerhalb der des Anderen? Ja. Dies ist das Du, welches nur durch Liebe entdeckt werden kann: ein Du, das Wechselseitigkeit erfordert. Der Dialog führt zur Entdeckung des Du, welches in Erscheinung tritt, wenn mein Selbst zulässt, von einem anderen Selbst befragt zu werden. Das Du ist weder das Selbst noch das UnSelbst.

III. Religiöse Identität
Die Frage

Unsere ursprüngliche Frage lautete: Können wir unsere religiöse Identität beibehalten und dennoch eine pluralistische Haltung einnehmen? Wäre es nicht ein Verrat oder zumindest eine Abwertung unserer jeweiligen religiösen Traditionen, wenn wir uns dem Pluralismus verschrieben? Wir möchten nicht ermitteln, ob wir alle tolerant, aufgeschlossen, verständnisvoll oder offen für andere Religionen sein sollten. Wir erachten dies als selbstverständlich. Viel eher fragen wir, ob solche eine Toleranz, Aufgeschlossenheit und Offenheit nicht gerade im Pluralismus begründet sind. Anderenfalls bestünde Gefahr, dass unsere Toleranz lediglich ein Schritt ist, um die Anderen unschädlich zu machen, unsere Aufgeschlossenheit ein Schauspiel, um unsere Missbilligung zu verhehlen, unsere Offenheit eine Strategie, um von der Beziehung zu profitieren und so die "Fehlgeleiteten" in unseren Reihen einzugliedern.

Inzwischen sollte meine These klar geworden sein. Der historische Schritt des Religionsparlaments könnte das offensichtlich pluralistische Indossament des religiösen Pluralismus sein. Dadurch fällen wir kein objektives Urteil über Religionen; wir fällen ein Urteil über uns selbst und unsere Art des Umgangs mit anderen Religionen.

Nach so vielen tausend Jahren menschlicher historischer Erfahrungen sollten wir darauf vorbereitet sein zu fragen, ob die alten religiösen Paradigmen ausreichen. Sie mögen weiterhin notwendig sein, doch womöglich nicht mehr ausreichend. In den vergangenen hundert Jahren, in den Köpfen und Herzen vieler aufgeklärter Menschen sogar in tausenden Jahren, musste die Menschheit unter Schmerzen feststellen, dass wir ohne religiösen Frieden, barmherziger Toleranz, gegenseitigen religiösen Respekt und ernsthafte Offenheit für die Anderen nicht als menschliche Rasse überleben können, nicht einmal kann ein Einzelner so ein wahrlich humanes Leben führen. Ich gestehe, dass ohne Anerkennung des Pluralismus all jene wundervollen Ideale ihrer Fundamente beraubt würden und nichts als manipulierbare PseudoWerte in den Händen der Machthaber blieben. Der Pluralismus bietet die geistige Grundlage für solch eine Einstellung.

Es gibt nur einen Haken: Betrügen wir damit nicht unsere religiösen Glaubensinhalte? Ist nicht der Preis, der für den Pluralismus gezahlt werden muss, ein Verrat am Kern einer jeden Religion, wie ich bereits angedeutet habe? Wäre nicht das Gegenmittel schlimmer als die Krankheit selbst? Sollten wir uns nicht lieber mit einem pragmatischliberalen laissezfaire begnügen und genügend Gemeinschaftssinn erwarten, um für das geringere Übel zu plädieren? Pluralismus wohnt im Herzen einer überaus bedeutsamen moralischen Frage. Warum sollten wir keinen Kreuzzug beginnen, wenn (wir glauben, dass) die Anderen böse sind? Gottes Rechte stehen über den Rechten der menschlichen Geschöpfe. Das Dharma (im Hinduismus: göttliches Recht und Pflicht zur Einhaltung der Gesetze) akzeptiert keinen Kompromiss mit dem Adharma. Die Wahrheit kann der Unwahrheit nicht den Vorrang gewähren. Ist der Pluralismus nicht im Begriff, unseren Eifer nach Gerechtigkeit und Wahrheit zu unterminieren? Was wird aus uns, wenn wir all unsere Überzeugungen aufgeben?

Ich werde die religiöse Beantwortung dieser Fragen einem philosophischen Kommentar folgen lassen.

Die persönliche Identität

Was bedeutet religiöse Identität? Wir sollten uns jetzt nicht mit den diskutierten Fragen aufhalten, ob es ein fortwährendes Selbst gebe oder ob die persönliche Identität nur eine Frage unseres Körpers oder unseres Gedächtnisses sei, oder uns mit dem kontroversen Problem des Wesentlichen zusammen mit den Aporien der Veränderung und Beständigkeit befassen. Ich werde lediglich zwei Beobachtungen in Bezug auf die Natur unseres humanen Denkens veranschaulichen.

Die erste Beobachtung sagt schlicht das Folgende aus: Sie ist die Veranlagung unseres menschlichen Intellekts, zu versuchen, alles auf die Einheit zu reduzieren. In der Tat läuft das Verstehen darauf hinaus, eine Vielheit an Daten (gleich welcher Sorte) erfolgreich in eine Einheit zu bringen. Dies ist das berühmte reductio ad unum. Dann, und nur dann, gehen wir nicht weiter und ruht unser Geist. Mit anderen Worten: Das Problem des Pluralismus zeigt sich allein dem Intellekt. Die Sinne bedeuten keinerlei Schwierigkeit bei der Wahrnehmung der irreduziblen Farben. Erst wenn wir sie verstehen wollen, müssen wir wissen, was Farben sind, und nicht nur das Grüne neben dem Violetten betrachten. Wir können mehrere Farben ohne größeres Hindernis akzeptieren. Aber können wir auch mehrere Religionen mit abweichenden und unvereinbaren Wahrheitsansprüchen akzeptieren? Unser Denken ist das Hindernis. Jedoch können und sollten wir nicht auf das Denken verzichten.

Wir sollten tatsächlich nicht aufs Denken verzichten, aber wir sollten es ebenso wenig einschränken, indem wir es auf das bloße Kalkül herabstufen. Wahrheit ist mehr als mathematische Genauigkeit. Wahrheit ist ein Bewusstsein von der Realität, und als solche beinhaltet sie auch die Schönheit ungeachtet notwendiger Unterscheidungen (aber nicht Trennungen). Bonaventure, in Übereinstimmung mit Augustin, definiert Schönheit als rhythmisches oder melodisches Gleichgewicht ("pulchritudo nihil aliud est quam aequalitas numerosa") und fügt hinzu, dass in der Schönheit diese metrische Regularität und Gleichheit ihre passende Einheit benötige ("ibi autem sunt rationes numerosae ad unum reductae" Hexaemeron, VI, 7). Sogar Mathematiker bekunden, dass "Eins" keine Zahl ist, und Philosophen wissen, dass Denken genauso Schönheit entdeckt wie auch Wahrheit und Güte.

Meine persönliche Identität ist nicht die intelligible Einheit der mehrzähligen Elemente oder Faktoren, die mein Sein ausmachen, sondern eher das Bewusstsein von der Zusammengehörigkeit dieser Elemente und Faktoren.

Der zweite Kommentar bezieht sich auf die unterschiedliche Anwendung der Prinzipien der Identität und Widerspruchslosigkeit in verschiedenen Kulturen. Ich werde den semitischen und den indischen Geist als Beispiele anführen.

Der semitische Geist denkt anhand von Exklusion an die Identität, d. h. indem er in erster Linie das Prinzip der Widerspruchslosigkeit anwendet. Eine Religion ist solchermaßen, wenn sie sich von einer anderen unterscheidet: "Sie sind Christ" führt deshalb zu "Sie sind kein Hindu" was natürlich voraussetzt, dass ein Hindu kein Christ ist. Die christliche Identität erhält über den Hintergrund, kein Hindu zu sein, ihre Bestätigung. Das beste, was ein Muslim über Gott, Den Gepriesenen, sagen kann, ist, dass Er nicht wie menschliche Wesen ist. Ein gläubiger Jude mag zwar den hinduistischen Götzendienst achten, würde jedoch nicht daran teilnehmen.

Der indische Geist hingegen denkt anhand von Inklusion an die Identität; er wendet in erster Linie das Prinzip der Identität an. Eine Religion ist solchermaßen, wenn sie sich mit dem Begriff der Religion identifiziert. Ich bin ein Hindu, wenn ich ein Hindu bin, und je mehr ich mich mit dem Hinduismus als Religion, als reine Religion, identifiziere, desto mehr bin ich ein Hindu unter der Voraussetzung, der Hinduismus sei eine Religion. Als Hindu hätte ich keinerlei Bedenken dabei, die christlichen Sakramente zu empfangen, obschon ich weiß, dass sie zu einer anderen Religion gehören. Ich würde nicht vermuten, meinen Hinduismus zu betrügen, wenn ich mir etwas leistete, was für den abendländische christliche Gemüt sehr furchtbar ist: die so genannte communicatio in sacris, die Teilnahme an den Ritualen einer anderen Religion. Als der Papst nach Indien reiste, kamen Tausende Hindus hingebungsvoll, um die Heilige Kommunion in Empfang zu nehmen. Ein Hindu empfindet es als selbstverständlich, dass er zu einem besseren Christen wird, wenn er ein besserer Hindu ist. Das Beste, was ein Vedantin ( Anhänger der vedischen Religion) über Brahman (die göttliche Schöpfungskraft oder Allseele im Hinduismus) sagen würde, ist, dass Es so vollkommen identisch mit Sich selbst sei, dass es Ihm unmöglich sei, Sich von etwas zu unterscheiden und sicherlich auch nicht von mir. Die einzige authentisch wahre Aussage des Ichs, des wahren Ichs, ist aham Brahman ich bin Brahman. Hindu zu sein und gleichzeitig NichtHindu zu sein, wäre ein Widerspruch; es würde aber nicht bedeuten, Christ zu sein. Das sind unterschiedliche Denkweisen.

Falls ich an eine Anzahl von Doktrinen glaubte, könnte ich jedoch in beiden Fällen nicht auf dieselbe Weise und zur selben Zeit an widersprüchliche Lehren glauben. Doch meine religiöse Identität wird von der Anzahl der Lehren, an denen ich festhalte, nicht verwirrt. Der Glaube ist nicht identisch mit den Glaubensinhalten, auch ist Religion nicht identisch mit einer Anzahl von Dogmen. Ein Protestant des neunzehnten Jahrhunderts hatte nicht die gleichen Glaubensinhalte wie ein Katholik. Jedoch waren beide Christen und beschuldigten einander sogar der Ketzerei.

Diese Überlegungen lassen uns bekräftigen, dass unsere Identität untrennbar ist von der Art, wie wir über sie denken, obgleich wir einen Unterschied machen mögen zwischen unserer Identität und unserer Auslegung davon. Wir müssen diesen Punkt hervorheben, damit wir nicht unseren eigenen modernen individualistischen Mythos vergessen. Die persönliche Identität vieler Leute ist bei weitem nicht gleichbedeutend mit dem Bewusstsein von jemandes kräftigem Körperbau. "Cuius regio eius religio", dieser berühmte Satz, der sich moderne Ohren so schmachvoll anhört, könnte uns ein wichtiges historisches Beispiel liefern. Meine Identität, das, was ich bin, braucht nicht nur der physische Körper zu sein, über den meine Sinne und mein Gedächtnis bezeugen, dass er meiner ist. Meine Identität als Jude oder als Pole, als Kalvinist oder als Hindu kann nicht unter einem einzelnen Kriterium aufgeführt werden.

Wenn meine Mutter aus einer traditionsbewussten jüdischen Gemeinde stammt, ohne je in einer Synagoge gewesen zu sein, und ich meine jüdischen Wurzeln anerkenne, dann bin ich ein Jude. Wenn mein Vater einer hinduistischen Familie angehört, ohne an irgendwelche Dogmen zu glauben, und ich mein Karma nicht ablehne, dann bin ich ein Hindu. Wenn meine Eltern so genannte Ungläubige wären, mich dennoch haben taufen lassen, und ich diesen Brauch nicht ablehne, dann bin ich ein Christ. Wenn ich bei Buddha, Dharma und Sangha Zuflucht suche, kann man mich als Buddhisten betrachten. Wenn ich trotz meiner Wurzeln aufrichtig Allah diene und Muhammad als Seinen Propheten mit dem Koran als Gottes Offenbarung anerkenne, dann bin ich ein Muslim. Wenn ich zu den Ibos (Angehörige eines Eingeborenenvolkes in Nigeria) gehöre und zu keiner anderen Religion konvertiert bin, insbesondere Christentum oder Islam, dann bin ich ein Ibo. Dies ließe sich auf die meisten der so genannten Stammesreligionen anwenden. Ich sage das, um zu verdeutlichen, dass wir nicht jedes einzelne Kriterium anwenden können, um die religiöse Identität einer Person zu bestimmen. Wenn Sie ein Muslim oder Christ sind, dann sind Sie für immer ein Muslim oder Christ, genauso wie Sie vor einiger Zeit nicht einmal dann Ihre französische Staatsangehörigkeit verlieren konnten, wenn Sie eine andere annahmen oder auf die französische verzichteten.

Wie oft haben wir nicht, vornehmlich von Außenstehenden, die es besser wissen wollen, den Vorwurf zu hören bekommen: "Aber dann sind Sie doch kein Christ!" oder "Als Muslim dürfen Sie so etwas nicht sagen!" Wer hat denn das Recht, jemanden zu exkommunizieren?

Ich bin bereit, für die These einzustehen, dass, falls jemand ernsthaft bekennt, Vaishnava, Katholik, Baha'i oder was auch immer zu sein und als solcher von einer Gemeinschaft derselben Konfession anerkannt wird, diese Person das ist, was sie selbst zu sein versichert, obwohl sie von gleichen Gruppierungen als Abtrünniger bezeichnet werden könnte. Lebendige Religionen sind andauernd in einem Fluxus quo. Und wir alle wissen, dass die verachteten Häretiker von gestern oftmals anerkannte Propheten von morgen sein können.

Die religiöse Zugehörigkeit

Zuletzt befassten wir uns mit dem konkreten Problem, ob wir zur selben Zeit mehreren religiösen Traditionen angehören können. Hier nun sollten die verschiedenen Merkmale dessen, was wir zu erklären versucht haben, zusammengeführt werden. Um mich kurz zu fassen, möchte ich wenn auch ungern auf ein autobiografisches Beispiel zurückgreifen.

Einer meiner Sätze, der aus dem Jahre 1970 stammt, wird sehr oft zitiert und missverstanden. Damals verfügte ich bereits über mehr als ein halbes Jahrhundert an persönlicher Erfahrung. Nachdem ich zu jenem Zeitpunkt ein Drittel meines Lebens in Indien und den Rest davon im Westen verbracht hatte, schrieb ich: "Ich ging als Christ fort, ich fand mich selbst als Hindu, und ich kehre zurück als Buddhist, ohne aufgehört zu haben, ein Christ zu sein."

Dieser Satz wurde so gedeutet, dass ich wohl meine christliche Identität verloren und stattdessen eine dreifaltige Identität angenommen hätte. Das Original jedoch beweist, dass ich damit keine eklektische Mischung aus drei Religionen oder dogmatische Synthese einer neuen Religion meinte. Ich betone mit Nachdruck, dass wir kein pluralistisches System haben, eine Vielzahl von Philosophien befolgen oder mehreren Religionen angehören können. Was wir besitzen, ist eine persönliche Religiosität, die in mehr oder weniger harmonischer Weise die Lehren mehrerer religiöser Traditionen integriert haben mag. Diese positive Symbiose macht uns nicht zu einer gespaltenen Persönlichkeit. Wir alle haben einen Vater und eine Mutter, d.h. verschiedene Faktoren, die unser Sein prägen. Die orthodoxe Christologie bekräftigt nicht, dass Christus halb Gott halb Mensch sei, sondern ganz und gar göttlich und menschlich in einer Person.

An dieser Stelle könnte eine Metapher aus dem vernachlässigten Bereich der religiösen Geografie nützlich sein. Wenn sich der Yamuna und der Ganges vereinen, der Missouri und der Mississippi, der Paraná und der Río Salado, weshalb sollten wir dann die Fortläufe der Flüsse mit einem einzelnen Namen benennen und dabei dem Ganges, dem Mississippi und dem Paraná den Vorzug gewähren? Sind denn die anderen Flüsse verschwunden? Oder ist es eine Frage der Stärke? Die Wasser sind ununterscheidbar, und die Identität ist eine neue. Ist der Ganges jenseits von Allahabad weniger heilig, weil sein Wasser durch das des Yamuna "verunreinigt" wird?

Wenn der kleine Assi (inzwischen fast verschwunden) in den majestätischen Ma Ganga (Ganges) fließt, ist er stolz, von dem riesigen Strom aufgenommen worden zu sein und das Privileg zu erhalten, auch heilig zu sein. Hinter Varanasi wird der Assi zum Ganges, und auch der Ganges ist froh, den Assi nicht abgewiesen zu haben, und führt seine Wasser, bis er in den weiten Ozean mündet. Hier kommen wieder die Etiketten ins Spiel. Allein aus Gründen der Länge nennen wir einen Strom Missouri bzw. Mississippi. Der Yamuna und viel mehr der unscheinbare Saraswati sind stolz, Ganges genannt zu werden, obwohl wer weiß, ob nicht eines Tages derselbe Fluss, der sich durch Patna, das buddhistische Land, windet, gar als Fluss der Bodhisattvas (Bodhisattva (Sanskrit: Erleuchtungswesen); jemand, der die zehn Phasen der geistigen Vervollkommnung durchlaufen hat und das Nirvana hinauszögert, um die Menschen zur Erleuchtung zu führen.) bezeichnet wird.

Jeder Fluss, wie auch jede Religion, wird durch kleine Bäche aus unserer persönlichen Lebensgeschichte gespeist. Früher waren die in unsere größeren Religionen mündenden Nebenflüsse, außer in besonderen Fällen, zwar klein aber zahlreich. Doch wir sollten die Geografie der Vergangenheit nicht vergessen. Als das Wasser der germanischen Stämme sich mit dem römischen Tiber vereinte, welcher damals bereits griechische und hebräische Wassermoleküle enthielt, wurden sie zu einem neuen Fluss, den wir trotz zahlloser hydraulischer Veränderungen heute noch als Christentum bezeichnen. Sollten wir in unserem technokratischen Zeitalter gigantische Dämme errichten, um zu verhindern, oder schlimmer noch, um das frische Wasser der lebenswichtigen Flüsse der Welt, unseren Strategien gemäß, zu lenken? Ein Damm ist purer Eklektizismus, da er dem Wasser nicht zu strömen erlaubt und es in eine künstliche Agglomeration abfließen lässt.

Aber da ist noch mehr. Wenn ich mich auf christlichem Gebiet aufhalte, fühle ich mich als Christ, doch einige, die andere Länder kennen, neigen dazu, mich als Hindu oder Buddhist zu bezeichnen. Und umgekehrt: Wenn mich das Leben in eine hinduistische Umgebung führt, nennen mich einige einen "Pukka"Hindu, während andere mich als "gefährlichen" Christen betiteln. Um auf unsere Flüsse und unsere Feststellung zu den Etiketten zurückzukommen: Derselbe Fluss wird in einem Land "Sohn des Brahma", der Brahmaputra, genannt, und wenn er ein anderes Land mit seinen Wohltaten bereichert, nennt man ihn den "Gelben Fluss", den Yaluzangbujiang. Haben die Tibetaner nun ihren Fluss verloren? Ist es doch nur eine Frage der Stärke? Welche Identität hat der Fluss?

Im Grunde spiele ich eine einzige Melodie in drei Tönen. Der erste gehört zum Herzen, der zweite zum Verstand und der dritte zum Geist.

1. Das Herz. Oft sind wir schüchtern und neigen dazu, die Anliegen des Herzens gering zu schätzen. Ich sage, dass ich eine wahre, gütige und aktive Zugehörigkeit zu jenen drei Traditionen aufgebaut habe, zu welchen ich die säkulare Gemeinde meiner Mitbürger, die in der weiten Welt unabhängig von ihrem "konfessionellen" Glauben für Gerechtigkeit und Wahrheit kämpfen, hinzuzählen muss. Auch sie sind "meine Leute". Alles, was mit diesen Gemeinden zu tun hat, spielt Saiten in mir, welche jene unseres gemeinsamen Erbes nicht schwächen, jedoch sind sie viel empfindlicher. Gewiss schäme ich mich, wenn meine Brüder und Schwestern gemeinsam Verbrechen begehen, oder ich fühle mich beschwingt, wenn sie Heldentaten vollbringen. Ich schäme mich für den Nazismus und den Sklavenhandel, doch ich respektiere ein intensiveres Gefühl als meines bei einem Deutschen und einem schwarzen Amerikaner oder einem Afrikaner. Ich bin zwar stolz auf Shakespeare und Ibsen, aber Dante und Johannes vom Kreuz berührten mein Herz mehr. Ich bewundere den Koran, aber die Veden sprechen mich mehr an als die Thora und die Evangelien mehr als die Analekten, obgleich ich mehr intellektuelle Bewunderung für Lao Tse als für den heiligen Jakob empfinde. Jeder von uns ist irgendwo daheim, und dieses Heim braucht nicht wie ein Schloss zu sein; jedoch sollte es ein Zuhause sein, eine angemessene Umgebung für jeden Einzelnen. "Yo soy yo y mi circunstancia" lautete die berühmte Aussage von José Ortega y Gasset. Meine religiöse Identität ist ein Teil meiner menschlichen Identität.

Religiöse Identität ist weder ein automatisches Faktum der Geburt wie das der Stammeszugehörigkeit, Rasse oder Nation, noch ist sie eine ideologische Mitgliedschaft wie die in einem Klub, einem Verband oder einer politischen Partei. Während wir die Eltern oder den Stamm nicht wählen können, den Klub oder die Party jedoch wohl, werden wir in gewisser Weise durch die Religion, die wir annehmen, gewählt. Akzeptanz, freie Akzeptanz, ist hier ausschlaggebend. Ich nenne dies das "feminine Element". Meine religiöse Identität kommt als eine Art Geschenk, eine Art Gunst, die mich erreicht und die ich anzunehmen, abzulehnen oder abzuändern frei bin. Doch ich habe nicht zwei Lieben, wenn ich meinen Vater und meine Mutter liebe oder in meinen hinduistischen und christlichen Gewässern bade.

"Le coeur a ses raisons…" "Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt." [Pascal] "Karmagatir vicitra…" "Der Verlauf des Karmas ist mysteriös und schwierig zu erkennen." [Yoga Sutra Bhasya II,I3]

2. Der Verstand. Sich zu einer Religion zu bekennen oder für seine religiöse Zugehörigkeit einzustehen, ist nicht gleichbedeutend mit der bloßen Sympathie zu einer bestimmten Personengruppe. Dieser Schritt ist weitaus ernsthafter. Er ist ebenso eine Angelegenheit des Verstandes, eine Frage der verstandesmäßigen Aufrichtigkeit. Er ist Gegenstand eines aufgeklärten Glaubens. Ich könnte keiner Tradition angehören, die mir befiehlt, meinen Feind zu hassen, oder mich lehrt, dass es nichts gebe außer dem, was man mit seinen Augen erfassen kann. Das bedeutet, dass mir die Doktrinen einer bestimmten Religion glaubhaft erscheinen müssen. Und falls ich es mit mehr als einer religiösen Tradition zu tun habe, muss ich einen individuellen Weg finden, um mich mit offensichtlich unverträglichen Doktrinen abzufinden. Hierbei spielt die pluralistische Einstellung eine zentrale Rolle. Denn ein dreifaches Ziel muss erreicht werden:

a) Die Entdeckung einer fundamentalen Harmonie. Wir sollten bis zum Kern jener Traditionen hinab graben und herausfinden, ob direkte Widersprüche in ihren fundamentalen Einblicken existieren. Satya, Karuna, Agape und Gerechtigkeit erscheinen mir als fundamentale Einblicke dieser vier Traditionen, von denen jede einzelne Wege zur Bewältigung von Egoismus und zur Erlangung von "Transzendenz" auftun.

b) Die Suche nach humanen Polaritäten. Wir sollten erkunden, ob viele offensichtlich tödliche Spannungen womöglich nichts anderes sind als entstellte oder verformte Divergenzen, die falls richtig interpretiert oder reinterpretiert in bereichernde Polaritäten oder alternierende Modi permanenter Probleme des menschlichen Verstandes umgewandelt werden könnten.

Zwischen der upanischadischen Spiritualität der Inwendigkeit und dem christlichen Dienst am Nächsten mag eine sehr fruchtbare Polarität bestehen und keine unversöhnliche Spannung. Wenn der Glaube an die Reinkarnation nicht die Würde einer menschlichen Person verletzt, indem man sie zu einem Stein im Mosaik des kosmischen Kreislaufs macht, sehe ich keinerlei Hindernis für die Akzeptanz der kosmologischen Hypothese, die hinter der so genannten Reinkarnation steckt, in einem fairen Wettbewerb mit der Kosmologie, der einem gängigen christlichen Standpunkt entsprechend auch Himmelreich und Fegefeuer unterliegen.

c) Die Bewältigung unvereinbarer Doktrinen. Wir sollten unvereinbare Lehren, ohne sie zu verzerren, als Ausdrücke einander unvergleichbarer Formulierungen dessen halten, was ich kurz als das "Mysterium" bezeichne. Keine Doktrin liefert eine umfassende Erklärung irgendeiner religiösen Lehre. Ein hinduistisches atmavada und ein buddhistisches anatmavada sind unvereinbar, und ebenso inkompatibel sind die metaphysischen Optionen eines thomistischen und scotistischen Scholastizismus. Entweder finde ich ein via media oder eine plausible Reinterpretation, oder ich sollte sie einfach als gültige Optionen nebeneinander existieren lassen, unter der Voraussetzung, dass ich apodiktische Kontradiktionen erfolgreich vermeide. Die grundlegende Bedingung für dieses dritte Ziel ist augenscheinlich, die zueinander inkompatiblen Doktrinen zu relativieren, ohne sie herunterzuspielen oder ihre Inhalte und Erfordernisse zu mildern. Dies ist nicht möglich, wenn kategorischer Rationalismus für das ultimative Maß der gesamten Realität gehalten wird. Doch es widerspricht nicht der Vernunft, Inkompatibilität zu akzeptieren und damit zu leben, vorausgesetzt, wir lassen nicht zu, dass die Diktion aus der Kontradiktion in die ontische Ebene einfließt. Die Bedingung ist, dass wir den Unterscheid zwischen der ontischen und der ontologischen Ebene erkennen und die letztere nicht verabsolutieren. Mit anderen Worten, es gibt eine Transzendenz, welche die beiden gegenüberstehenden unvereinbaren Aussagen übersteigt. Dies zieht in Betracht, die doktrinär widersprüchlichen Sätze auf unterschiedlichen Niveaus anzusiedeln.

Die Koexistenz von Teilchen und Wellentheorien in der modernen Physik könnte uns als blasses Beispiel dafür dienen, wie man mit solch einer Situation fertig werden kann. Das Beispiel ist blass, zumal wir in unserem Fall an etwas Problematischerem interessiert sind als der Befolgung unserer mathematischen Postulate und der Phänomene, die sich unseren Messgeräten darbieten. Zwischen einem theistischen und einem atheistischen System, zwischen atmavada und anatmavada gibt es Inkompatibilität für unser Verständnis (quoad nos), aber wir müssen hier keinen Bezug haben wie ein mathematisches Postulat oder eine empirische Beobachtung (wie in der Physik). Stattdessen haben wir eine unerreichbare Transzendenz, über die wir nicht sagen können, dass sie durch irgendeine der widersprüchlichen Aussagen umfassend vertreten sei. Wir erkennen stattdessen die Grenzen unserer intellektuellen Fähigkeiten. Der Umfang und der Radius sind miteinander unvereinbar, und dennoch koexistieren sie und sind hängen voneinander ab. Da ist aber noch mehr.

3. Der Geist. Es ist auch eine Sache des Geistes und eine des "Zeitgeistes". Es gehört zum Kairós unserer gegenwärtigen Kultur, sich einen Schritt jenseits der religiösen Apartheid der Vergangenheit zu begeben auch wenn diese in einer Situation, die sich von der unseren abhebt, gerechtfertigt gewesen sein mag. Zuvor sprach ich von Veränderung. Unsere religiöse Identität ist nicht darauf reduziert, Institutionen der Vergangenheit anzugehören.

Manch religiöser Kundenkreis ist heutzutage obsolet. Es gibt religiösen Nationalismus und religiösen Patriotismus, welche gegen das zentrale Anliegen aller Religionen eintreten, die exakt darin bestehen, all jene Unfreiheiten zu beseitigen, welche die Erfüllung jedes Wesens im Allgemeinen und jedes menschlichen Wesens im Besonderen verhindern.

Ein erschütterndes Beispiel für die Unzulänglichkeit religiöser Institutionen darin, eine religiöse Identität zu gewährleisten, könnte das Leben und die Zweifel der Simone Weil sein, die im Jahre 1943 infolge physischer Erschöpfung verstarb. Sie, die jüdische "Ungläubige", war im Herzen römischkatholisch, doch ihr Verstand erlaubte ihr nicht, ihrem Herzen zu folgen. Ihr Geist war katholischer als das vieler römischkatholischer Theologen, aber der Zeitgeist war damals noch nicht reif, eine solch prachtvolle Blume auf irgendeinem konfessionellen Feld zu pflücken. Indem sie im Niemandsland religiöser Institutionen verblieb, durchbrach sie die Mauern des religiösen Exklusivismus.

Um nun die erforderliche Umgestaltung zu bewerkstelligen, müssen wir Schritt für Schritt und mit dem ganzen Herzen jeder einzelnen Tradition vorgehen.

Lassen Sie mich noch einmal persönlich werden. Ich verstehe und spreche mehr als eine Sprache. Das bedeutet, dass ich aus dem Universum jeder Sprache heraus denke, ohne von einer in die andere zu übersetzen. Dies trifft sicherlich auf Sprachen wie auch auf Religionen zu. In einer christlichen Sprache würde ich aufrichtig bezeugen, dass Christus die Wahrheit sei, würde dann, wie Gandhi es mit Gott machte, den Satz umdrehen und erklären, dass die Wahrheit Christus sei. In beiden Fällen steht Wahrheit natürlich für die absolute Wahrheit und hat mit Genauigkeit, Präzision oder Sorgfalt wenig zu tun. Dieser Christus, der durch die Wahrheit erkannt wird, ist offensichtlich kein verborgener Jesus, der sich unterhalb des Hinduismus oder sonstwo versteckt hält, um "die Hinduisten zu überstehen", sondern die reine Wahrheit.

Niemand besitzt das Monopol auf die Wahrheit, Christen besitzen kein Monopol auf Christus. "Christus" ist (auf dieser Stufe des Diskurses) bloß ein christliches Symbol für die Wahrheit, aber dieses Symbol ist weder das einzige Etikett, noch enthüllt das Wort "Christus" all die vielen anderen Aspekte der Wahrheit. Jedoch können Christen nicht einfach diesen Namen verwenden, während sie bekräftigen, dass sie nicht fähig sind, "die Länge und Breite, die Höhe und die Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt.

Dies ist die christliche Sprache, doch ich kann auch andere Sprachen sprechen, welche befreiende Stärke und rettende Barmherzigkeit fördern nicht allein für ihre jeweiligen Gläubigen, sondern auch für mich. Ich übersetze nicht aus dem Christentum. Aber ich spreche auch noch andere Sprachen. Dabei entdecke ich nicht nur, dass ich "das Gleiche" sage, sondern dass dies ist mein ureigenes Gleiches ist, das offen seine Überzeugungen äußert. Es handelt sich um eine parallele Sprache, und ich verstehe beide.

Sobald ich über diese Tatsache nachsinne, überlasse ich die Religionen tiefgründigen Reinterpretationen, für die ich allein, aber gewissenhaft, verantwortlich bin. Ich bin ein Christ, den Christus dazu geleitet hat, zu den Füßen der großen Meister des Hinduismus und Buddhismus zu sitzen und auch deren Schüler zu werden. Das ist mein Dasein als hinduistischbuddhistischer Christ.

Dies gestattet mir, mich selbst zu einem echten Christen und ebenso zu einem Hinduisten, einem Buddhisten und zu einem Gelehrten zu erklären. Wie ich das geschafft habe, ist eine Lebensaufgabe, die jedoch nicht immer sofort von Erfolg gekrönt ist. Dennoch ist die Hoffnung auch eine religiöse Tugend.

Dies ist allerdings nicht alles. Am anderen Ende des Spektrums unternehme ich ähnliche Schritte. Ich bin ein Hindu, dessen Karma ihn dazu geführt hat, Christus zu begegnen, und ein Buddhist, dessen persönliche Anstrengung ihm hinsichtlich der beiden anderen Traditionen ähnliche Resultate beschert hat.

Ich könnte an dieser Stelle mit meiner Erfahrung vom Sanatana Dharma (das Leben im Einklang mit den ewigen Werten)beginnen, welches mir gestattet, diese Einsicht auch innerhalb des Christentums und des Buddhismus zu entdecken. Shiva ist ebenso ein lebendes Symbol für mich. Durch Erfahrung weiß ich, dass der Lingam (ein Sinnbild der Fruchtbarkeit im Hinduismus) von Arunachala mehr ist als nur ein Fels oder Berg, dass das Trika (eine Form des Hinduismus in Kaschmir) mehr ist als ein dialektischer Einfall. Doch eben diese Einsicht veranlasst mich, nach homomorphen Äquivalenten im Christentum zu forschen und diese mit den Kategorien des Hinduismus zu reinterpretieren. Kurz gesagt, ich entdecke, dass ich ein christlichbuddhistischer Hinduist bin. Und etwas Ähnliches tue ich mit dem Buddhismus.

Was ist dann meine Religion? Gehöre ich nicht gleichzeitig zu den drei Religionen? Oder sind sie vielleicht nicht eher harmonisch in mir umgewandelt? Sind nicht die Wasser des Bhagirathi, des Alaknanda, des Gomati, des Yamuna usw. allesamt Wasser des Ganges, sobald sie einen bestimmten Punkt erreichen? Ich hätte auch gesagt haben können, dass Negro, Japura, Jurqa, Purus, Madeira und Tapajós allesamt Wasser des Amazonas seien. In einem gewissen Augenblick des Lebens ist der Fluss nur einer, gleich ob er Wasser aus Wisconsin, Illinois, Des Moines, Missouri, Arkansas, Minnesota oder Mississippi führt.

Mit welchem Etikett sollten wir also unsere eigene Religiosität versehen? Hinduistischkatholisch? Christlichhinduistisch? Säkularbuddhistisch? Buddhistischhinduistisch? Können wir derartige Etiketten dem Leben spendenden Wasser der Flüsse verleihen? Die lebenden Wasser unserer persönlichen Religion mögen Strömungen vieler Quellen in sich tragen.

Was hat all dies zu bedeuten? Es bedeutet dreierlei: eine historische Neuheit, eine metaphysische Herausforderung und eine religiöse Veränderung.

Die historische Neuheit ist klar. Religionen wurden dereinst anhand des Stammes, dem man angehörte, identifiziert. Anschließend konzentrierte sich ihre Identität auf einen dogmatischen Glauben, der erwartungsgemäß die bindende Macht der religiösen Institutionen sein sollte. Offen gesagt ist es das, was wir gegenwärtig als Religionen bezeichnen. Der kommende historische Zeitraum wird den Schwerpunkt auf den experimentellen Faktor verlagern. Religionen werden primär anhand einer Garnitur von Glaubenserfahrungen identifiziert werden, die ihre entsprechenden Doktrinen allmählich glätten und adäquatere Strukturen und Institutionen gründen wird. Eine Tradition ist nicht bloß die Wiederholung des Vergangenen sondern eine "Übergabe" (traditio) teils akkumulierter Erfahrungen, die in eine bequeme Form gebracht worden sind. Die polymorphen Charaktere des Hinduismus mögen uns einen Eindruck davon verschaffen.

Die metaphysische Herausforderung könnte man als einen anderen Namen für den Pluralismus betrachten. Das Bewusstsein von den externen, soziologischen, organisatorischen und anderen Differenzen zwischen den Religionen bewirken, dass wir uns von jeder Art des Exklusivismus lossagen. Die religiöse Dimension der menschlichen Geschöpfe, oder deren Religiosität, ist nichts weiter als eine eher soziologische Konstruktion. Religionen besitzen einen mystischen Kern.

Die metaphysische Herausforderung entabsolutiert all unsere Methoden des Denkens und sogar des Sein. Religionen brauchen keinen bereits bekannten und abgetretenen Pfaden zu folgen. Realität, ebenso authentische Religiosität als menschliche Teile der Realisation (Erlösung, Befreiung etc.) sind radikale Neuerungen und nicht nur Schlussfolgerungen aus dem Vergangenen. Unser Parlament ist kein Museum. Es sollte ein Schmelztiegel sein.

Religionen sind nicht unerschütterliche und künstliche Dämme zur Anstauung von Wasser, um Energie zu erzeugen. Sie sind fließende Ströme, die von hohen Gletschern aus Rishis (Vedische Seher, erleuchtete Menschen, die die vedischen Hymnen und die Upanishaden abgefasst haben.) und Propheten genährt werden, reinen Brunnen aus Denkern und früheren Traditionen, beseelt durch nahe Wolken aus der gegenwärtigen Geschichte, welche allesamt von den Himmeln kommen, um der Erde und den menschlichen Geschöpfen Leben zu spenden.

Die religiöse Umwandlung ist nicht das Ergebnis einer gewaltsamen Revolution oder eines Angriffs von außen, sondern die Frucht eines Wachstums vom Innern einer jeden Tradition heraus, so dass der Weg nicht durch Apostasie oder Abkehr führt, sondern durch eine höhere Treue zu der unergründlichen Gnade des Heiligen Geistes, der, wie es im Alten Testament heißt, ein "sanftes, leises Säuseln" ( 1. Könige, 19:12) ist.

Wir sind nicht nur Mitschöpfer unseres eigenen Lebens. Wir sind auch Mitschöpfer unserer Religionen. Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab. Das kommende Jahrtausend wird eine "neue Bezeichnung" sein, die von einem radikalen humanen metánoia bewerkstelligt werden wird oder auch nicht. Die Erde kann warten. Sie wird immer noch da sein. Das kann die menschliche Rasse jedoch nicht. Entweder findet eine Umgestaltung statt, oder wir verschwinden von der Erdoberfläche. Wie es in der Kathopanishade lautet:

"Astinaasti": "Sein oder nicht sein."

Das ist die Frage. Und unsere Verantwortung.

Quelle:
© Institut für Human- und Islamwissenschaften e.V.
Dialog Zeitschrift für Interreligiöse und Interkulturelle Begegnung
Jahrgang 3 • Heft 5 • 1. Halbjahr 2004

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