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Wahrheit und Toleranz in den Religionen

M. Razavi Rad 

 

Die Wesensbestimmung der Toleranz

Was bedeutet Toleranz? Was sind ihre Eigenschaften? Worin bestehen ihre Grenzen und Schranken? Ist sie eine Notwendigkeit, oder ist sie eine Tugend? Was sind ihre Dimensionen und Kategorien? Unterliegt sie bestimmten Gesetzen? Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen Toleranz, Nachgiebigkeit und Entgegenkommen? Ist Toleranz ein Muss für das soziale Zusammenleben oder ein politisches System? Was ist ihr Ursprung? Was sind die wesentlichen Methoden bei ihrer Praktizierung? Wie steht die Religion zur Toleranz? Wie kann man ein von Toleranz geprägtes Leben führen? Was sind die positiven und negativen Auswirkungen von Toleranz und Intoleranz?

Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet Toleranz die Duldung einer Sache, von deren Unrichtigkeit wir überzeugt sind, wie z.B. die Toleranz gegenüber einem unvernünftigen Freund, einem unanständigen Lebenspartner oder einem unfreundlichen Vorgesetzen oder das SichAbfinden mit einer schwer heilbaren Krankheit. Obwohl Toleranz in den eben erwähnten Fällen nicht immer die beste Charaktereigenschaft sein muss, so betrachtet man sie doch gemeinhin als moralische Notwendigkeit und Tugend.

In "History of Ideas" wird erwähnt, dass der Begriff "Toleranz" zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine abwertende Bedeutung trug. Viele Jahre sei die korrekte Bedeutung der Toleranz hinsichtlich "Gemäßigtheit" und "Entgegenkommen" gemieden und deren Vertreter geschmäht worden. Toleranz war in der Vergangenheit jedoch nicht so etabliert wie heute. Früher wurden tolerante und offenherzige Menschen herabgewürdigt, da ihr Verhalten als Willfährigkeit oder als Verzicht auf die eigenen Glaubensinhalte, Bräuche und Sitten aufgefasst wurde.

Wilhelm Bousset (16281704), ein französischer katholischer Geistlicher, prahlte vor Protestanten damit, dass die Toleranz im Katholizismus damals so gering geschätzt wurde. Pierre Bayle (16471706) sagte der Rücksichtslosigkeit den Kampf an, als er sich für die Notwendigkeit der Toleranz zwischen den Religionen und sogar außerhalb der Religionen einzusetzen begann. John Locke (16321704) verteidigte in seinem ‚Ein Brief über Toleranz (Vgl. Locke, John: Ein Brief über Toleranz, München 1975.) aus dem Jahre 1688 die Toleranz und machte die Grundlosigkeit von Aggressivität und Grobheit deutlich, indem er deren Willkürlichkeit anhand zweier klarer Beweise aufzeigte:

a)Es gibt Dinge, über die aufrichtige Glaubensinhalte nicht willkürlich zu urteilen geeignet sind;

b) Die Kirche besitzt eine vom Staat unabhängige Stellung und Aufgabe. Die kirchliche Toleranz stellt keine Bedrohung für die Pflichten des Staates dar.

John Stuart Mill (18061873) ging mit der Bekräftigung der individuellen Freiheit sogar noch einen Schritt weiter und hielt sie nur dann für auf Entgegenkommen angewiesen, wenn sie die Freiheit der Anderen einschränkte. Den Mangel an Freiheit und Toleranz in der Gesellschaft bezeichnete er als Faktor für das zunehmende Zurückbleiben von Reife und Kreativität. Und dies ist eine Tatsache. Überall dort, wo Fanatismus, Grobheit, Intoleranz und Engstirnigkeit geherrscht haben, sind Wissen und innovativen Ideen immer mehr in Wertlosigkeit versunken, während sie überall dort, wo eine gesunde Atmosphäre für den Meinungsaustausch, für Toleranz, Sympathie und Nächstenliebe herrschte, eine reelle Chance hatten, zu Vorbildern der Menschlichkeit zu werden.

Ernest Renan (1823-1892) vertrat die Ansicht, dass immer, wenn sich die islamische Gesellschaft den anderen Religionen gegenüber tolerant verhalten habe, große Gelehrte wie Farabi, Avicenna, Zakariya Razi, Abu Reyhan Biruni und viele andere namhafte Persönlichkeiten aufgetreten seien. Sobald sich aber die islamische Gesellschaft von diesem Wesenszug entfernt habe, sei das Licht der Wissenschaften in der islamischen Welt erloschen.

Weder glaube ich nun, dass Toleranz mit der Abkehr von der eigenen Gesinnung oder der Übereinkunft mit der Opposition gleichbedeutend ist, noch glaube ich, dass Intoleranz mit dem Erfordernis von Grobheit einhergeht. Eher sind die Menschen mit Hilfe der Toleranz von der Bürde entlastet, voreilige Schlüsse zu ziehen oder absolute Urteilssprüche zu fällen, und finden stattdessen eine gute Gelegenheit zum Nachdenken. Selbst wenn sich aus dieser Toleranz kein weiteres positives Resultat außer diesem ergibt, darf man nicht länger damit zögern, ihre Notwendigkeit für das soziale Leben anzuerkennen.

Eine eigenwillige und auf Profit und Schaden aufbauende Definition von Toleranz hatten stets jene, die ihr wahres Gesicht hinter heiligen Worten zu verbergen suchten und so jeder Grausamkeit und Ungerechtigkeit den nötigen Glanz verliehen, um die Menschheit mit falschen Auffassungen dieser Art in eine moderne Barbarei zu führen.

Können Sie sich vorstellen, dass ein Land, das als Wiege der Freiheit, der Menschenrechte und der Toleranz geschätzt wird, auf eine seiner eigenen Bürgerinnen, die aufgrund ihrer konfessionellen Überzeugung ein Kopftuch trägt, intolerant reagiert? Glauben Frankreichs Intellektuelle nicht an die Notwendigkeit der Toleranz? De facto glauben sie daran, aber offensichtlich baut entweder ihre Definition von Toleranz auf Profit und Schaden auf, oder aber sie sind in ihrer Überzeugung von der progressiven Bedeutung der Toleranz nicht aufrichtig. Deshalb neigen sie dort zur Irreführung und Intoleranz, wo sie erkennen, dass die Toleranz zu ihren Ungunsten ist, und weichen von all ihren rechtschaffenen Prinzipien ab. Kann denn jemand, der ein Kopftuch nicht tolerieren kann, angesichts der Gedanken, die sich darunter befinden, jemals mit sich selbst tolerant sein?

Die gemeinsame Lebensmitte der Religionen

Eventuell wirft der Titel meines Aufsatzes bei einigen Experten die Frage auf, wie die Sichtweise der Religionen unter der Berücksichtigung, dass sie keinen vereinigten Standpunkt aufweisen, in einem Wort auf die Toleranz zurückzuführen sei. Meine Meinung in Bezug auf die Religionen ist, dass sie im Grunde gemeinsam von einer einzigen Wahrheit profitieren, doch zur selben Zeit unterschiedliche Sprachen pflegen. Sie sind miteinander verwandt, ohne gleich zu sein. Aus diesem Grunde ergänzen sie einander viel mehr als sich gegenseitig zu behindern und sprechen von einer verbindenden Wahrheit.

Die prophetischen Religionen haben den einen Gott als Letztbegründung allen Seins, Der vollkommen und ohne Makel ist. Es versteht sich von selbst, dass es undenkbar ist, dass aus dem Vollkommenen etwas Unvollkommenes entstehen könnte. Somit kann man durchaus die Behauptung aufstellen, dass alles, was am Wohl und an der Glückseligkeit der Menschen beteiligt war, von Gott für und in die verschiedenen Religionen hineinprojiziert worden ist. Doch es trifft nicht zu, dass Gott einigen Menschen diese Gunst vorenthalten hätte.

So oft habe ich die Frage gehört, welche Religion am Tage des Jüngsten Gerichts die wahre Religion sein würde. Der Ausgangspunkt dieser Frage besteht darin, dass sämtliche Religionen von der Wahrheit sprechen und zwar einer gemeinsamen Letztbegründung, aber unterschiedliche Auffassungen und Vorstellungen davon haben. Alle sprechen von der Wahrheit, aber von der fließenden Wahrheit, der fortwährenden Wahrheit, der neuen Wahrheit, der wachsenden und beweglichen Wahrheit jedoch niemals von einer widersprüchlichen und unlogischen Wahrheit. Darum würden Moses, Jesus und Mohammad, falls sie heute am Leben wären und die gegenwärtige Welt mit eigenen Augen sehen könnten, die Übermittlung ihrer jeweiligen Botschaft ganz sicher an die heutige Auffassung von Wahrheit anpassen. Eine Wahrheit, die dank ihrer grundlegenden Prinzipien in der Lage ist, sich an die gegebenen Realitäten anzupassen und neu zu definieren und in einer Form zu erscheinen, die zeitgemäß und für jeden verständlich ist.

Manche Leute haben verlangt, die Unveränderlichkeit mancher Religionen als höheren Maßstab gegenüber anderen Religionen anzusehen. Hierfür jedoch verfügen sie über keinerlei logische und rationale Beweise. Die Araber der vorislamischen Epoche besaßen eine wesentlich ältere Vergangenheit als die alten Griechen, dennoch waren sie ihnen niemals intellektuell überlegen. Der beste Beweis für diese Behauptung ist, dass, während die Araber sich noch des Vorhandenseins von 17 bis 20 gebildeter Personen rühmten, bereits so große Persönlichkeiten wie Sokrates, Aristoteles, Platon, Parminedes, Pythagoras und andere in den Gassen des antiken Griechenland glänzten. Also können zeitlicher Vorsprung oder Verspätung als Indikatoren für Überlegenheit gänzlich ausgeschlossen werden. Die Frage, welche Religion die wahre sei, ist demzufolge keine fachliche Frage. Denn wenn wir annehmen, dass alle Religionen einen einzigen Entstehungspunkt besitzen, bleibt kein Platz mehr für die Untersuchung, welche Religion wahr ist und welche unwahr. Doch wenn jemand unbedingt eine Antwort von mir verlangte, würde ich sagen, dass alle wahr sind und dass das Wahrsein einer von ihnen nach Beweisen verlangt, auf die ich im Verlaufe meiner Nachforschungen nicht gestoßen bin. Aufgrund meiner Überzeugung von der Gerechtigkeit Gottes könnte ich zu keiner Zeit glauben, dass Er einer Gemeinschaft die Wahrheit vorenthalten habe, obgleich die Universalität einer einzigen Religion mich nicht daran hindern würde, an ihrer Stelle eine andere zu bevorzugen.

Eine weitere, in gewisser Weise philosophische Frage, die manch einer in diesem Zusammenhang stellen mag, lautet: Wie ist es möglich, mehrere Religionen und nicht eine einzelne als Wahrheit zu bezeichnen, wo doch die Wahrheit über eine Identität und ein einziges Wesen verfügt, das einfach und nicht vielfältig sind? Antwort: Die notwendige Schlussfolgerung aus unserer Behauptung ist nicht die Vielfältigkeit der Wahrheit an sich, sondern die fließende, flexible und entwicklungsfähige Eigenschaft der Wahrheit.

Vielfältigkeit bedeutet an sich eine Vielzähligkeit und beinhaltet damit sogar das Gegenteil ihrer selbst, zumal wir über eine fortwährende aber in ihrer Erscheinung flexible Wahrheit ausgesagt haben, dass sie durch Anwendung ihrer überdurchschnittlichen Fähigkeiten und der Einhaltung ihrer grundlegenden Prinzipien imstande ist, sich veränderlichen und verschiedenartigen Gegebenheiten anzupassen und sich so in einer den Realitäten entsprechenden Form zu präsentieren.

Religionen sind nur unterschiedliche Erscheinungsformen ein und derselben Wahrheit. Ihre Lebensmitte ist ein einziger gemeinsamer Kern, zur selben Zeit allerdings verfügen sie jeweils über besondere Charakteristika, deren Herkunft einerseits von Zeit und Ort und andererseits von der besonderen Eigenart der Erfordernisse der Menschen abhängig ist. Mit diesem Nachweis ist jeder, der die Wahrheit in jeder einzelnen Religion zu finden versucht, in der Lage, die grundlegenden Prinzipien der Wahrheit zu entdecken. So können wir eines Tages den Wunsch verwirklichen, nach der reinen Wahrheit zu suchen, anstatt Religionsoberhaupt oder gründer sein zu wollen.

Doch wird irgendwann wieder das Problem auftreten können, dass Religionsgelehrte behaupten, sie allein hielten die unabänderliche Auslegung der Wahrheit in der Hand und die Anderen seien ob dieser Auslegung entweder unvermögend oder zur Übernahme dessen verurteilt, was laut Auslegung jener die Bezeichnung "unabänderliche Wahrheit" erhalten hat.

Intoleranz beginnt in den Religionen an jenem grotesken Punkt, wo in ihrer Geschichte nicht wenige Kriege und Fehden stattgefunden haben. Die Anhänger der Religionen, insbesondere in der heutigen Zeit, müssen sich indes darüber im Klaren sein, dass die Regisseure der religiösen Kriegstheorie, ohne dass sie eine der Religionen aus tiefstem Herzen geliebt hätten, unter Anwendung der verschiedensten Mittel daran arbeiten, mit der "unabänderlichen Wahrheit" sämtlichen Religionen auf einmal auf den Leib zu rücken, um sich ihrer aller zu entledigen und sozusagen mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Jede einzelne Religion wird jedoch dank ihrer Überzeugung von der "Wahrheit" überdauern und die unendlichen Begierden jener Personen in Form einer "Theorie des Relativismus" nicht unterstützen.

Unter Berücksichtigung ihrer zahlreichen Gemeinsamkeiten und, falls diese aus irgendeinem Grund nicht abhanden kommen, könnten heute Judentum, Christentum und Islam in einer Weise, die für ein friedvolles Zusammenleben außerordentlich förderlich ist, den Zugang für unheilvolle Gedanken des Zwiespalts versperren und an Einfluss gewinnen. Ihre Anhänger sollten sich darüber bewusst sein, dass die Religionen ein gemeinsames Geheimnis und einen gemeinsamen Sinn haben. Mit Hafis' Worten:

Jeder sucht nach einem Liebchen;
Wie der Kluge so auch der Berauschte.
Jeder Ort ist ein Haus der Liebe;
Wie die Moschee so auch die Kartause.

Die Lebensmitte der Religionen ist eine. Sie entspringen einer einzigen Urquelle und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Und vermittels der Weisheit der Zeit und des Orts nehmen sie ihre besonderen Erscheinungsformen an. Wir müssen zu dem Ergebnis gelangen und daran glauben, dass:

Wir ein Juwel waren so wie die Sonne;
Waren makellos und klar so wie das Wasser.

Mahatma Gandhi (1869-1948) erkannte diese Wahrheit und sagte: "Ich glaube, dass es auf der Welt nur eine Religion gibt. Die Religion des Baumes ist die Vitalität, da er viele Zweige und Äste hat. So wie sein Geäst einem einzigen Stamm entwächst, haben auch die Religionen einen Urquell, aus dem sie entstanden sind." Bei seinem Gespräch mit Pierre Ceresole sagte er: "Ich bin mit jenen, die glauben, dass Gott Liebe ist, einer Meinung." Gandhi sah die innige Liebe zur Wahrheit als wichtigsten Faktor für die Toleranz. Offensichtlich profitierte er angesichts dieser Überzeugung vom intellektuellen und persönlichen Horizont Tolstojs.

Lew Tolstoj (1828-1910) sagte: "Der Verzicht auf Aggression ist nichts anderes als das Lehren der wahren Liebe, die durch trügerische Interpretationen nicht der Entstellung zum Opfer fällt."

Diese Aussage stimmt mit dem überein, was Ibn alArabi (1165-1240) darüber zu sagen pflegte:

Ich befolge die Religion der Liebe;
Ich verlasse mich wohl auf ihren Beistand,
Denn Liebe ist meine Religion und Überzeugung.
(Ibn alArabi, Targuman alApwaq, S. 57.)

Dies entspricht den Worten Maulana Galaluddin Rumis (1207-1273), welcher sagte:

Des Liebenden Leiden ist gesondert von anderen Leiden;
Die Liebe ist das Astrolabium für die Mysterien Gottes.

Rudolf Otto (1869-1937) und sein Schüler Gustav Mensching (1901-1978) gingen ebenfalls davon aus, dass alle Religionen ein gemeinsames zentrales Wesen, d. i. "Lebensmitte", besitzen, obgleich sie aufgrund der unterschiedlichen Umstände, in denen sich die Menschen befinden, in zahlreichen Formen in Erscheinung treten und sich infolge rationaler Überlegungen in einem kontinuierlichen Reifeprozess befinden. Sicherlich hatte auch Otto, wie all jene, die von der Einheitlichkeit der Religionen überzeugt sind, eine Religion für sich auserlesen; allerdings brachte er mit dieser Wahl keine Ablehnung der anderen Religionen zum Ausdruck. Der eigentliche Unterschied zwischen Otto und Mensching liegt darin, dass Otto von einer Apriorität der Religion ausging, während Mensching diese auf Erlebnishaftigkeit zurückführt und eine klare Unterscheidung zwischen Denk und Glaubensurteil traf. So gibt es für Mensching zwei Wahrheitsformen: "Wahrheit als erkenntnismäßige Richtigkeit" und "Wahrheit als religiöse, numinose, d. i. göttliche Wirklichkeit".

Ibn alArabi glaubte ebenso an das Vorhandensein der einigenden Lebensmitte der Religionen und sagte: "Der Glaube und die Offenbarung waren einst formlose Wahrheiten, die sich in den darauf folgenden Stufen in das Kleid der Bestimmtheit und Form gehüllt haben." Obwohl er wie Otto und Mensching von der einigenden Essenz der Religionen sprach, wählte er für sich eine bestimmte unter den Religionen aus. Jedoch wie könnte man behaupten, dass das, was er für sich wählte, das Beste sei und sogar andere Religionen aufheben könne? Dies gilt es zu bedenken.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) beobachtete ebenfalls unter den Religionen unwiderlegbare Gemeinsamkeiten. An einer Stelle sagt er: "Falls die Bedeutung des Islam darin besteht, die Handlungen in Gottes Hand zu legen und sich Seinem Willen hinzugeben, so sind wir alle Muslime und sterben als Muslime." So bezeichnete er sich selbst ein Jahr vor seinem Tode als "Hypsistarier".

Hafis (um 1320 bis etwa 1388) bekundete seinen intellektuellen Horizont in einer Strophe, die man in der Welt der Poesie und Literatur durchaus als "Königsvers der Toleranz" bezeichnen kann:

Zweier Welten Friede ist die Bedeutung dieser Worte:
Sei mit Freunden hochherzig, sei mit Feinden tolerant.

Hafis hatte die Toleranz in der göttlichen Schule studiert, welche er mit seinen Worten als "viel Heil schenkend" und "Fehler vergebend" bezeichnet:

Unser weiser Trinker, trotz ihm nicht Macht noch Fülle ist,
Einen Gott er hat; viel Heil schenkend und Fehler vergebend.

Und über das, was seinen Standpunkt in Bezug auf Grobheit, Krieg und Frieden betrifft, sagte er:

Ein mystisches Wort auszusprechen, sei mir gewährt;
O Augenlicht, Friede ist besser denn Krieg und Gezänk!

Religiosität als Ansatzpunkt für Toleranz und Eintracht unter den Menschen

Im Koran wird der Glaube unter anderem als schlichtender Faktor bei Streitigkeiten und Handgemengen beschrieben, welche zu blutigen Auseinandersetzungen führen könnten:

"Und gedenket der Gnade Gottes an euch, als ihr Feinde ward und Er eure Herzen versöhnte, worauf ihr mit Seiner Gnade zu Geschwistern wurdet. Ihr befandet euch am Rande eines Abgrundes zur Verderbnis, doch Er errettete euch vor ihr." (Sure Al Imran (3), Vers 103.)

Er schenkte ihnen die Gnade der Versöhnung, der Geschwisterlichkeit und des friedvollen Zusammenlebens in einer Situation, da sie sich am Rande blutiger Kämpfe befanden.

JeanJacques Rousseau (1712-1778) und John Locke sagten, dass die Menschen vor dem Fortschritt keine Gesetze und gesellschaftliche Identität besaßen und deshalb jeder so viel tat, wie er zu tun imstande gewesen sei. Die Religionen waren den Menschen beim Aufbau ihrer Zivilisation aufgrund ihrer latenten Funktionen stets hilfreiche Stützen und verliehen ihnen entsprechende Gesetze. Die Abschaffung der eigensinnigen, unverantwortlichen und egozentrischen Identität bei den Menschen und die Erziehung eines gesellschaftsfähigen und verantwortungsbewussten Menschen sind zwei große Dienste, die die Religionen der Menschheit erwiesen haben.

Zweifellos können Religionen mehr noch als Toleranz in aller Harmonie und enger Verbundenheit zusammenleben, vorausgesetzt, dass sie die gemeinsame Lebensmitte und deren grundlegende Prinzipien erkennen. Fern von jeglichem Fanatismus und mit der richtigen Erkenntnis voneinander sind sie in der Lage, die Täuscher und Neider, welche den Fanatismus zu schüren versuchen, aufzuhalten:

Strenge und Fanatismus sind Zeichen der Unerfahrenheit;
Solang du noch ein Fötus bist, ist das Bluttrinken dein Amt. (Masnawi, 3. Buch, Nr. 1297.)

Fanatismus, der aus Unerfahrenheit entstanden ist, kann sich in jeder unangenehmen Situation äußern.

Da Farblosigkeit zur Geisel der Farbe geworden,
Geriet ein Moses in Konflikt mit einem Moses. (Masnawi, 1. Buch, Nr. 2467)

Gestern wie heute hat es sie gegeben, Leute, die, trotz ihrer Kenntnis vom enormen Potenzial, das die Religionen für das gemeinschaftliche Verstehen und Handeln aufweisen, die Atmosphäre zu verschmutzen versuchen, den Religionen ein entstelltes Format zuweisen und Streit und Disput zwischen ihnen stiften, um für ihre eigenen Fehlinterpretationen den Weg zu ebnen.

Einst war der Liebe Sinn nur einer,
Doch Unwissende machten ihn zu vielen.

Falls wir davon ausgehen, dass Wahrheit trotz Umsetzung fest gegründeter Prinzipien ein teilbares und variables Wesen besitzt, öffnen sich die Tore nicht allein für die Verwirklichung sondern mehr als je zuvor für die Notwendigkeit der Verwirklichung von Toleranz.

Religion und Aggressivität

Der Gott der Religionen ist ein verzeihender Gott, ein Gott der Vergebung und Toleranz. Deshalb ruft Er niemals eine mitleidlose und intolerante Religion ins Leben.

An dieser Stelle möchte ich gerne eine erbauliche Erzählung aus dem Buch "Bustane Sa'di" wiedergeben:

Es wird berichtet, dass der Prophet Abraham pflegte, sich nicht zu Tisch zu begeben, solange nicht ein Gast mit ihm war; denn er war ein gastfreundlicher Mensch. Eine Woche lang kam kein Gast zu Besuch. Als er dann hinaustrat, um jemanden zum Essen einzuladen, erblickte er einen alten Mann, den er sogleich einlud:

O du meiner Augen Pupille,
vollbringe deine gute Tat durch Spende.

Abraham fiel auf, dass der alte Mann nicht "Im Namen Gottes" sagte, als er zu essen begann, und sagte zu ihm:

Ist es nicht Pflicht, wenn du isst,
Des gütigen Gottes Namen zu nennen?

Der alte Mann erwiderte, dass er in seiner Religion so etwas nicht kenne, und als Abraham erkannte, dass der Mann kein Monotheist war, forderte er ihn auf zu gehen. Da erklang eine himmlische Stimme, die sprach: "O Abraham! Hundert Jahre haben Wir ihn versorgt; Warum konntest du ihn nicht erdulden und vertriebst ihn von deinem Esstisch?"

Er wirft doch sich nieder vor dem Feuer;
Warum ziehst du deine Hand davor zurück?

Die Toleranz hat aus Sicht der Religionen ihren Ursprung in den begrenzten Fähigkeiten des Menschen und besitzt Höhen und Tiefen, denen ein Mensch, dessen Kenntnisse begrenzt sind, im Verlauf seines Vervollkommnungsprozesses nicht entrinnen kann. Aus diesem Grund stellt die Toleranz in den Religionen eine maßgebliche moralische Notwendigkeit dar.

Die Religion besitzt neben flexiblen Normen auch unveränderbare Werte, die kein Entgegenkommen akzeptieren. Stattdessen beinhaltet Entgegenkommen keineswegs die Bedeutung von Rücksichtslosigkeit, Intoleranz oder die Benachrichtigung der Anderen von deren Zulässigkeit. Alle Menschen sind frei, sogar über die religiösen Normen nachzudenken, und falls sie diese als rechtmäßig und logisch erachten, mögen sie diese auch annehmen.

Arten von Pessimismus und Optimismus, die geeignet sind, Ansätze für Rücksichtslosigkeit und Unduldsamkeit zu sein, haben keinen Platz im Wortschatz der Religionen. Wenn irgendein Religionsanhänger von solch einem Verhalten beeinträchtigt ist, hat er von der Religion gewiss nicht viel verstanden, sondern wird entweder unkundig bleiben ob seiner falschen Auffassung vom Glauben, oder gar Umstände außerhalb der Religion haben diese Krankheit bei ihm verursacht.

Dem Mensch sind zueigen Milde und Lieb;
Dem Tier sind zueigen Zorn und Trieb. (Masnawi, 1. Buch, Nr. 2436)

Deshalb ist die Religion in ihrem Kern nicht aggressiv, obgleich spezielle Interpretationen von der Religion manch einen zu Aggressivität verleiten können. Das Christentum hat mit Aggressivität und Blutvergießen nichts zu tun aber waren denn die Kreuzritter keine Christen? Warum wandten sie dennoch Gewalt an? War nicht Buddha für Toleranz und Liebe berühmt? Hat es nie Buddhisten gegeben, die gegen Hinduisten gekämpft haben? Weshalb verhielten sie sich derartig? Ist nicht der Judaismus die tugendreichste Religion der Welt? Wie ist es da möglich, dass es Juden gibt, die ohne Blutvergießen nicht zufrieden sein können? Ist nicht der Islam die Religion der Barmherzigkeit, der Liebe und der Brüderlichkeit? Wie kann es dann sein, dass man in aller Welt Muslime findet, die sich an Streit und Gewaltanwendung gewöhnt haben?

All dies verbirgt sich hinter den beiden erwähnten Faktoren. Entweder es handelt sich um eine falsche Interpretation der religiösen Werte oder um die Aufbürdung von Konflikten von Außen. Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass eine aggressive Auslegung des Glaubens und seiner religiösen Normen gleich welche Absicht sie verfolgen mag niemals wieder eine konstituierende Kraft für die Religion bedeuten wird.

In der komplizierten Welt von heute ist es, aufgrund von herzloser Propaganda, die die Entstellung des wirklichen Gesichtes der Religionen beabsichtigt, insbesondere das des Islams, schon so weit gekommen, dass die Namen der Religionen sogar stets mit Attributen wie "feindselig", "rückständig", "rachsüchtig" und "kaltblütig" erwähnt werden, auf dass sie im Gedächtnis der Menschen haften bleiben. Auf der anderen Seite werden überall dort, wo vom Westen die Rede ist, durch dieselbe unsachliche Propaganda Attribute wie "befreiend", "qualifiziert", "gesetzestreu", "Verteidiger der Menschenrechte" und "Wiege der Demokratie und der Freiheit" verwendet, auf dass diese ebenfalls im Gedächtnis der Menschen haften bleiben.

Stehen denn die Religionen nicht im Zusammenhang mit Kompromiss, Klarheit, Aufrichtigkeit, Wohlwollen, Liebe, Freiheit, Frieden, Geschwisterlichkeit und Menschenrechten? Hat denn der Westen ein direktes Verhältnis zu Dingen wie Aggressivität, Krieg, Übertreibung, Ausschweifung, Zensur, Intrigen, Tyrannei, Lügen und Diskriminierung? Treffen diese Vorurteile zu? Sind sie richtig und gerecht? Gehen sie mit den guten Manieren einher? Vertragen sie sich mit den primären und absoluten Prinzipien der Demokratie und des Pluralismus? Geht der Westen mit seinen eigenen bewaffneten Feinden etwa freundlich um? Verleiht er jenen, die seine Rechte missachten, einen Oscar? Schenkt er seine Liebe den Verbrechern und hat in seinem eigenen legalen System keine Strafgesetze, Gefängnisse, Züchtigung und Gefangenschaft?

Wie ist es möglich, dass die meisten und vielfältigsten Gesichter der Aggressivität durch jene zutage gefördert werden, die selber im Westen Toleranz proklamieren, aber zur selben Zeit die Welt der Religionen, insbesondere den Islam, mit den schlimmsten Anschuldigungen angreifen? War es der Islam, der den amerikanischen Truppen den Befehl erteilte, sich in Kuba, am Golf von Aden, im Irak, in Afghanistan, in Somalia, am Golf von Mexiko und an anderen Orten in aller Welt zu stationieren? Die mangelnde Selbstüberwindung vonseiten des Westens ihren Kontrahenten gegenüber und deren Entscheiden zwischen dem Verzicht auf ihre eigenen Ansichten und dem Krieg ist eine neuzeitliche Erscheinungsform einer Aggressivität, die kein Künstler in Anbetracht ihrer Abscheulichkeit zu zeichnen vermag.

Zu oft haben wir gehört, dass jemand sagt: "Wir werden zu jedem, der nicht für uns ist, nicht tolerant sein". Leider pflegen jene zu sagen, dass "jeder, der nicht für uns ist, intolerant und ein Terrorist ist". Die andere Seite und die Grundlage solcher Gedanken verrät eine absolut falsche Theorie, nämlich dass "sämtliche Tugenden, Richtigkeiten und Reinheiten in uns vereint sind, und sämtliche Verdorbenheiten, Falschheiten und Unreinheiten in den Gegnern". Dieser endgültige Beschluss ist Brennholz für das Feuer der Feindschaft und Intoleranz.

Die Erziehung von Menschen, die sich uneingeschränkt auf die Theorie des Relativismus berufen, ist ein unglückliches Unterfangen, das im Westen geschehen ist. Deshalb hat er die Menschen, mit dem Ziel seiner böswilligen Agitation, letztendlich in solche aufgeteilt, die Aggressivität verdienen ("Uneigene"), und solche, die der Toleranz würdig sind ("Eigene"). Einerseits begegnet er den "Uneigenen" meistens gläubigen Menschen mit Intoleranz, und andererseits betitelt er sie als Vertreter von Rückschrittlichkeit, Intoleranz, Gewalt und Terrorismus und ist permanent bemüht, der Welt der Religionen mit Ratschlägen und moralischen Belehrungen aufzuwarten. Er möchte diese "konservative", "zweitklassige" und "unfortschrittliche" Gemeinde tatsächlich zu ethischen Tugenden wie Toleranz, Menschenrechten, Demokratie und Zivilisation einladen! Und er geht ernsthaft davon aus, dass diese politischen Reden in den Herzen und Gemütern der Weltöffentlichkeit Wirksamkeit zeigen werden.

Intoleranz beginnt an jenem Punkt, wo Richtiges mit Falschem, Logik mit Nonsens und dieses und jenes wissentlich und vorsätzlich miteinander vermischt werden. Das Geheimnis der Intoleranz liegt auch in der Natur und im Wesen des offensichtlich Richtigen und offensichtlich Falschen und nicht bei den Menschen. Darum kann man zu den Menschen nicht sagen, sie sollten sich in Toleranz üben oder nicht. Wenn ich sagte, zwei und zwei seien zwar mathematisch gesehen vier, aber zwei Äpfel und zwei Äpfel ergäben fünf Äpfel, könnte ich von Ihnen nicht erwarten, mit mir konform zu gehen. In solch einem Fall wäre Toleranz weder eine Tugend noch zulässig noch möglich, zumal hierin ein wesentlicher und existenzieller Widerspruch liegt. Das Vorhandensein des einen widerspricht der Existenz des anderen. Sie besitzen eine essenzielle Intoleranz, doch es ist nicht, dass sie nicht wollten sie können nicht tolerant zueinander sein.

Annähernd alle Religionen sind sich darin einig und beinhalten die unerlässliche Intoleranz des Guten gegenüber dem Bösen, so wie auch das Böse nicht tolerant mit dem Guten sein kann. Obgleich Intoleranz nicht unbedingt gleichbedeutend mit Aggressivität zu sein braucht.

Sicher, wenn es jemandem gelänge, die Probleme zwischen dem Guten und dem Bösen und zwischen dem Richtigen und dem Falschen zu lösen und diese Begriffe dazu noch weltweit auszulöschen, dann würden wir sehen, wie sich das Licht mit der Finsternis und das Recht mit dem Unrecht versöhnen, und Intoleranz würde gänzlich von der Bildfläche verschwinden. Wahrscheinlich ist der Relativismus im Westen aus eben diesem Grund zustande gekommen, doch dies hat nicht nur nicht zur Beseitigung der Intoleranz im Westen geführt, sondern hat eine moderne Aggressivität zur Folge. Darum sehen wir heute wieder mehr Unduldsamkeit und Intoleranz bei den Vertretern des Relativismus gegenüber jenen, die sich für die Wahrheit einsetzen.

Religionen, Krieg und Frieden

Die Fundamente der Religionen beruhen auf der Ethik. Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Toleranz, Aufrichtigkeit, Respekt vor den Rechten der Mitmenschen, Enthaltung von der Erniedrigung anderer, Hochherzigkeit, Selbstlosigkeit und Tausende anderer moralischer Tugenden finden sich in den Schriften und authentischen Quellen der Religionen. Die Anhänger dieser Religionen lehren ihre Kinder von klein auf, ihre Feinde zu lieben, für die Gerechtigkeit selbst dann einzustehen, wenn es ihnen keinen Profit einbringt, und Nachsicht und Vergebung zu üben. Das Vorhandensein derartiger Lehren zeugt von einem enorm hohen Potenzial der Religionen für die Gründung einer von Frieden, Ruhe und Aufrichtigkeit erfüllten Gemeinschaft.

Die Religionen sind die berufenen Hüter des Weltgewissens, des Weltethos, so sagt der Religionswissenschaftler Gustav Mensching. Die Arbeit erscheint zuweilen schwierig, wenn manche Leute mit ihren eigenen politisch, ökologisch, systematisch und kulturell unzutreffenden Vorstellungen den Anhängern der Religionen ihre religiöse Identität und die Wahrheit verwehren, an die sie glauben, um sie zu konfusen Elementen zu machen, die sich nach einer Alternative sehnen. Es scheint, dass jene, die jeden Tag mehr als zuvor den Krieg gegen die Religionen einfordern, nicht allzu sehr unwissend sind ob des hohen Potenzials der Religionen für die Zusammenarbeit und das Zusammenleben. In Wirklichkeit liegt die eigentliche Ursache für die Furcht dieser Leute vor dem Potenzial der Religionen darin, dass sie untereinander zu Gleichgesinnten und Freunden werden könnten.

Es würde genügen, wenn die Anhänger der Religionen zu einer gemeinsamen Identität und Eintracht gelangten, ihre unvernünftige Vergangenheit hinter sich ließen, indem sie ihre unbedeutenden Streitigkeiten niederlegten, und verstünden, was Hafis meinte, als er sagte:

Da sie der Wahrheit nicht fündig wurden,
Schlugen sie drum den Weg der Märchen ein.

In Wahrheit haben die einigende Lebensmitte der Religionen und die religiösen Lehren niemals zur Gewaltanwendung aufgefordert. Es handelt sich um eine verkehrte, kriegstreiberische und fanatische Interpretationen der Religion, die nichts als Streit heraufbeschwören und religiöse Menschen zu böswilligen Verhaltensweisen verleiten, die auf einem absurden Religionsverständnis basieren.

Man darf zudem auch nicht vergessen, dass Differenzen eine natürliche Folge der Unterschiede in der menschlichen Spezies sind. Die Erwartung, dass alle so sein sollten wie man selbst, ist vollkommen unlogisch und nicht nachvollziehbar. Unter den Anhängern der Religionen gibt es Individuen, die wegen einer abwegigen Interpretation des Glaubens und aufgrund von Ungeduld mit der anderen Seite auf aggressive Mittel zurückgreifen, Mut zur Beseitigung der Opposition fassen und schriftstellerisch tätig werden. Dabei vergessen sie aber, dass, wenn dies eine richtige oder die einzige Methode wäre, sie dann für alle Menschen gültig und richtig wäre. Nur ist er nicht allein Ihr Kontrahent; Sie sind auch sein Kontrahent. Und falls er auch wie Sie zum Schwert der Vernichtung des Feindes greift, dann tritt er gewiss nicht unvorbereitet gegen Sie an.

Man sollte sich damit abfinden, dass die Wahrheit nicht das gesetzlich anerkannte Eigentum jemandes ist und Differenzen unvermeidbar sind. Deshalb ist ein ungebührlicher Umgang mit den Unterschiedlichkeiten weder rational noch religiös gerechtfertigt. Die intellektuelle Welt verdankt dem Pluralismus die Verbannung von Schmierfinken und Störenfrieden aus der intellektuellen Literatur. Er hat ihr eine neue Rationalität, die das Kleid des Realismus mit Würde trägt, verliehen, ihn in die Lage versetzt, die Realität zu sehen, ihn vor törichter Gewaltanwendung bewahrt und ihm einen höheren und weiteren Horizont beschert, um die Wahrheiten klarer zu erkennen. Und würde der Mensch in der Zeit des Postmodernismus einen Blick auf seine ungeheuerliche Unwissenheit werfen, wäre er ob seines geringen Wissens niemals anmaßend geworden. Dies allein würde schon ausreichen, um Toleranz zu üben, also auf Aggressivität und Grobheit zu verzichten.

Betrachteten wir den Ursprung der Toleranz in der Unvollständigkeit und Beschränktheit der menschlichen Errungenschaften in Wissenschaft und Forschung, so würden wir auf die große Weite des unerreichten Wissens starren und mit den üblichen Prahlereien aufhören, deren Wurzeln in voreiligem Urteilen und Unerfahrenheit liegen, und uns zu mehr Kreativität, Reife und gegenseitiger Anerkennung entwickeln.

Ein wichtiger Punkt, auf den hingewiesen werden muss, ist der, dass die Religionen zwar jegliche Gewaltanwendung ablehnen, aber angesichts von Unterdrückung und Tyrannei keinesfalls tatenlos und schweigsam verbleiben. Aus eben diesem Grund muss zwischen Selbstverteidigung und Aggression unterschieden werden. Gewalt ist illegitim, aber Selbstverteidigung ist ein anerkanntes Recht des Menschen.

Beweggründe für Aggression und Toleranz

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Gründe für Aggression und Toleranz in einer Kette von Faktoren liegen. Auf die wichtigsten davon wollen wir an dieser Stelle eingehen:

Kenntnis. Kenntnis und Unkenntnis spielen eine wichtige Rolle bei der Wahl des Menschen zwischen Toleranz und Aggression. Je kenntnisreicher er ist, desto mehr Charaktergröße und Fähigkeit zu selbstbeherrschtem und tolerantem Verhalten hat er, und je unwissender er ist, desto mehr Straffälligkeit, Streitsucht, Aufschneiderei und Unhöflichkeit legt er zutage. Der Mensch wird zum Feind all dessen, was er nicht kennt, und bekämpft das, was er nicht versteht.

Darum reicht es nicht aus, dass wir sagen, die schlimmste Form der Aggressivität sei jene, die gegen das Verstehen, Begreifen und Überlegen verübt wird. De facto spielt jeder, der an der Schaffung eines oder mehrerer Faktoren beteiligt ist, die bei der Entstehung von Unwissenheit und der Hinderung des Menschen oder des Volkes am Verstehen und Wissen wirksam sind, eine indirekte Rolle beim Entfachen blindwütiger Aggressionen.

Rechthaberei und Eigensinn. Viele Menschen, wenngleich die Ungültigkeit ihrer Glaubensinhalte durch zahllose Beweise und Argumente belegt ist, werden nicht damit fertig, sich von ihrer tadelnswerten Vergangenheit zu trennen. Ihr Widerstand gegen die Wahrheit äußert sich in Form von Aggressivität. Andererseits nehmen aber auch Menschen die Wahrheit von Fremden an, wenn sie diese dort finden und werden so zu Vertretern von Toleranz.

Absolutheitsanspruch. Für manche Menschen ist es schmerzlich und unangenehm, den Raum ihrer eigenen Meinung zu verlassen, und in eine Umgebung zu gelangen, die völlig anders ist und allen anderen ebenfalls Gelegenheit zum Denken und Erläutern gibt und dafür einen großzügigen Freiraum zur Verfügung stellt. Jemand, der seine Augen und Ohren vor dem Verstehen und Untersuchen der Sichtweise der Anderen verschließt, hindert die Menschen nicht nur daran, sich weiter zu entwickeln und materiell aufzusteigen, sondern auch eine realistische Spiritualität zu erlangen.

Starrköpfigkeit und Fanatismus. Wenn wir von den aus Fanatismus entstandenen Unerfahrenheiten erlöst werden wollen, müssen wir in der Lage sein, uns selbst an den Punkt Null des Dialogs zu versetzen. An diesem Punkt verkörpern die beiden Dialogseiten weder die absolute Wahrheit noch den absoluten Irrtum. Am Punkt Null des Dialogs muss man sich ausschließlich auf das Gelangen zu den verborgenen und offenkundigen Fakten des jeweiligen Themas konzentrieren und nicht auf das entschiedene Widerlegen einer Sache.

Vermögen und Reichtum (soziale Ungerechtigkeit). Die Geschichte des sozialen Lebens der Menschheit ist ein glaubwürdiger Zeuge der bitteren Wahrheit, dass die Menschen, wann immer sie an Vermögen und Reichtum gelangen, sich selbst vergessen und sich allmählich selbst für eine Art Gott halten, der über Besitz, Leben und Ehre der Anderen herrscht. Sie bekämpfen jeden Widerstand gegen ihre mühevoll erworbene Position gewaltsam oder bringen sie irgendwie anders zum Erliegen. Vermögen und Reichtum sind derart berauschend, dass manchmal sogar jene, die bei ihrem Einsatz für die Toleranz zu Wohlstand gelangt sind, alles um sich herum vergessen und recht charakterlose Verhaltensweisen zu Tage legen.

Emotionalität und persönliche Inkompetenz. Emotionalität und persönliche Inkompetenz können Ansätze für jede Form von Aggressivität sein. Wer aber den heilsamen Geschmack von Toleranz und Entgegenkommen im individuellen und sozialen Leben kostet, kann die Faktoren und Wurzeln der Aggressivität beseitigen. Je schwächer der Mensch in diesem inneren Kampf ist, desto mehr verfängt er sich in der Falle der äußeren Aggressivität.

Furcht. Furcht vor Veränderung, Furcht vor Gedanken und Wissen, Furcht vor dem Durchleben gegebener Umstände, Furcht vor Unterschiedlichkeit und Verschiedenheit, Furcht vor der Konfrontation mit allem, was neu ist, Furcht vor dem Entwerden und schließlich Furcht vor der eigenen Unfähigkeit und nicht vor den Fähigkeiten der Anderen verleitet die Menschen zur Aggressivität.

Sigmund Freud (1856-1939), vertrat die Ansicht, dass "jede Aggression aus einer inneren Schwäche entsteht". Emotionale Menschen suchen nach Extrovertierung, um anderen gegenüber mittels Aggression ihre Ängste zu unterdrücken, da sie nicht imstande sind, ihre inneren Ängste zu überwinden.

Profitgier. Auch diese gehört zu den wundersamen Mythen und unbekannten und rätselhaften Dimensionen der Menschheit. Jemand, der über hochwertige, moderne und schöne Gedanken verfügt, aber all diesen Worten eine deutlich übertriebene Beachtung schenkt, beginnt bald, nach eigenem Profit zu streben. Dann lernen Sie schon bald einen anderen Menschen kennen und entdecken an ihm ein gänzlich verändertes Denk und Verhaltensmuster. Strenge, Härte und der Gipfel der Erbarmungslosigkeit. Warum? Weil sein eigener Profit in Gefahr geraten ist.

Wahrheit und Relativismus

In der komplexen Welt von heute werden sogar so unantastbare Prinzipien wie die Toleranz wegen ein paar Personen durch zerstörerische Waffen ersetzt, die gegen die Wahrheit eingesetzt werden sollen. Der erbarmungslose Kampf der "Vertreter des Relativismus" gegen die "Gläubigen der Wahrheit" ist eine bittere Erfahrung, die vornehmlich im Westen zu beobachten ist. Die vernichtenden Flammen des Kampfes gegen die Wahrheit greifen dank der Rücksichtslosigkeit und Intoleranz der Befürworter des Relativismus, insbesondere in dieser Zeit, zunehmend um sich. Sie treten in unterschiedlicher Gestalt auf wie in der des kognitiven Relativismus, des kulturellen Relativismus, des moralischen Relativismus und des konzeptuellen Relativismus. Allerdings ist er mehr als alles andere von moralischen und konfessionellen Aspekten beeinflusst und verwehrt den Menschen in unserer Zeit die Glaubensinhalte und ethischen Lehren, die ihnen den Wesenszug des friedvollen Zusammenlebens lehren.

Der eigentliche Gegenstand der Theorie des Relativismus besteht nicht allein darin, dass die Errungenschaften, Wissenschaften und Kenntnisse der Menschen im Laufe von Veränderungen, die von den Veränderungen der Zeit und des Ortes abhängen, vielfältig und veränderlich seien, wie bis zu dieser Stelle in der Untersuchung kein vernünftiger Mensch leugnen kann. Der eigentliche Kern der Relativismustheorie besteht viel mehr darin, dass der Mensch nicht imstande ist und kein Recht hat zu entscheiden, welches Wissen vollkommener oder richtiger sei.

Dieser Punkt der Untersuchung ist nicht akzeptabel und befördert uns in einen Bereich, in dem alle Dinge miteinander verflochten und die Grenzen zwischen richtig und falsch aufgehoben sind, womit sämtliche Maßnahmen und Ereignisse in Frage kämen. Anhand dieser unbedachten Methode entsteht ein Mensch, der aufsteht und ruft: "Befände sich die Atombombe in unseren Händen, wäre dies die Grundlage für das Leben und die soziale Weiterentwicklung der Menschheit; befindet diese sich hingegen im Besitz der Anderen, bedeutete dies den Untergang!" Dabei wird eine polare Wertetheorie deutlich, die nur einer Seite sämtliche Berechtigung zuspricht. "Wenn wir den Krieg beginnen, ist er gerechtfertigt und gesegnet; sind aber die Anderen gezwungen, sich zu verteidigen, ist das schlecht und wird als terroristische Handlung eingestuft!" "Wer mit mir ist, ist zivilisiert, und wer nicht mit mir ist, ist ein Fundamentalist!"

Die Vermengung von Richtigem und Falschem hat zu Situationen geführt, die man mit den folgenden Worten Lew Dawidowitsch Trotzkijs (1879-1940) beschreiben kann: "Wer im 20. Jahrhundert in Ruhe und Frieden leben will, ist zu spät auf die Welt gekommen."

Die Baumeister des Relativismus rauben die "absolute Wahrheit" aus dem Besitz der an die Wahrheit Glaubenden, machen sie sich zueigen und errichten eine neue Welt auf ihrem Fundament, das kraft der Theorie des Relativismus alle Dinge relativiert außer dem Relativismus selbst und jener, die im Hintergrund mit den Überzeugungen der Bevölkerung spielen und sagen: "Solange sie ihre Identität und ihren Willen nicht aufgeben, werden sie nicht zivilisiert sein." Derweil verhalten sich die Unwahrheiten völlig entgegengesetzt, was Fjodor Dostojewskij (1821-1881) wie folgt beschrieb: "Die Frage ist nicht, ob der religiöse Mensch eine religiöse Überzeugung haben kann, sondern ob der unreligiöse Mensch zivilisiert sein kann."

Die Religion der Modernität gegenüberzustellen, ist ein Gräuel, welches, bewusst oder unbewusst, die Schwächung und Isolation der Religion im eigenen Herzen bewirkt. Ich meine damit nicht, dass der Glaube für die Bewerkstelligung einer modernen, auf Modernität aufbauenden Gesellschaft konzipiert worden sei, sondern behaupte, dass er einer modernen Gesellschaft nicht widerspricht. Allerdings betrachte ich eine Gesellschaft, die keine Moral und religiöse Spiritualität beinhaltet, nicht als modern.

In der heutigen Welt geschehen Dinge im Namen unantastbarer Begriffe wie "Menschenrechte", "Demokratie", "Freiheit", "Frieden" und, wie bereits erwähnt, "Toleranz". Ständig müssen wir zu jedem Begriff Sprachexperten zu Rate ziehen, weil wir nicht mehr in der Lage sind, die Ereignisse allein anhand ihrer Bezeichnungen zu verstehen und rational zu erfassen. Wie kann man zur Verwirklichung von Demokratie im Land systematische militärische Auseinandersetzungen gutheißen, wenn die gesamte Weltöffentlichkeit dagegen ist?

Erleben wir nicht soeben in aller Welt laizistische Gesellschaften, die aus der Theorie des Relativismus entstanden sind? Sind nicht solche Gesellschaften mehr als alle anderen von der Krankheit der Intoleranz und Rücksichtslosigkeit befallen? Beobachten wir in diesen Gesellschaften nicht viele Menschen, die erneut zur Wahrheit finden, infolge der Enttäuschung und Festgefahrenheit, mit der sie konfrontiert sind? Wenn wir unsere Augen, mit denen wir die Wahrheit sehen können, öffnen würden, so würden wir erkennen, dass, ob es uns gefällt oder nicht, an vielen Orten in der Welt zahlreiche Menschen leben, die nur schwer an eine "absolute Wahrheit" glauben.

Wie können wir nun dieser Realität begegnen unabhängig davon, ob dieser Gedanke richtig ist oder nicht? Sollen wir diese Menschen ignorieren? Sollen wir uns mit ihnen auf einen Krieg oder Streit einlassen? Sollen wir sie mittels einer "Theorie vom Kampf der Religionen" gegeneinander aufhetzen? Oder sollen wir sie mit Attributen demütigen wie "rückschrittlich", "zurückgeblieben" und "unzivilisiert"?

Die Gründer des Relativismus haben mit der Erschaffung eines modernen Götzen namens "Relativität" in Wirklichkeit eine moderne Interpretation von dem Wunsch nach Perfektion und Absolutheit, in einer das Volk irreführenden Form, ins Spiel gebracht. Sie erachten laut dieser neuen Interpretation jeden Absolutismus für tadelnswert, niederträchtig und sogar für des Todes schuldig.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Ereignisse der vergangenen zehn Jahre ausreichen, um jeden rechtschaffenen Menschen zu dem Ergebnis gelangen zu lassen, dass die "Theorie des Relativismus" nicht nur nicht in der Lage ist, die Menschheit aus dem Netz der Aggressionen zu befreien, sondern im Gegenteil, wegen ihrer Unaufrichtigkeit das Feuer der Aggressivität zu entfachen. Jeden Tag beweist die Aggressivität mehr als zuvor ihre Unbarmherzigkeit und Rücksichtslosigkeit gegenüber den Befürwortern der Wahrheit, unter dem Deckmantel des Relativismus.

Zwar werden heute dem Islam und den Muslimen Intoleranz angelastet, doch man darf auf keinen Fall vergessen, dass sie selbst eigentlich die Opfer der Relativisten sind und ihre Identität ungerechterweise kurz vor der Vernichtung durch die Armee der Relativisten steht. Sind die Drehbuchautoren und Regisseure der schrecklichen Ereignisse in Bosnien, Tschetschenien, Kaschmir, Irak, Afghanistan, Somalia usw. etwa Muslime gewesen? Hören wir die These vom "Kampf der Zivilisationen" und "Krieg der Religionen" aus dem Munde der "an die Wahrheit Glaubenden" und der Muslime oder aus dem Munde der "Relativisten"? Demzufolge sollte man eine neue Definition von Toleranz ausarbeiten oder sich von den Intrigen, die leider in der komplizierten Welt von heute weit verbreitet und anerkannt sind, trennen.

Islam und Toleranz

Wenn der Prophet Muhammad den Islam beschreiben wollte, verwendete er dafür zwei Begriffe: "leicht" und "verzeihend." Einige Professoren verwechseln Toleranz mit Liebedienerei und sagen, dass der Islam, obwohl er einfach und verzeihend sei, keine Toleranz in der erwähnten Form kenne. Diese beiden Begriffe unterscheiden sich nämlich grundsätzlich. Denn Liebedienerei findet dann statt, wenn jemand bei jeder Gelegenheit und mit unlogischen Erklärungen von seinen eigenen Rechten und Überzeugungen zurücktritt. Doch Toleranz ist erst dann gegeben, wenn jemand zwar auf seine eigenen Rechte und Überzeugungen nicht verzichtet, aber auch die Rechte und Überzeugungen der Anderen nicht beanstandet und nicht darauf bedacht ist, sie außer Kraft zu setzen.

Ebenfalls sagte der Prophet: "Das Fundament meines Denkens ist auf Liebe und Zuneigung errichtet." (ašŠifa' biTa'rif huquq alMustafa, B. 1, S. 187.)
Damit ist die Liebe zu den Menschen gemeint nicht weil sie Muslime sind, sondern weil sie Menschen sind.

Von Imam asSadiq wird überliefert, dass Gott Seinem Propheten offenbarte: "O Muhammad! Dein Herr grüßt dich und sagt dir: ‚Sei tolerant zu Meinen Geschöpfen!"(Mustadrak alWasa'il, B. 9, S. 35.)
Darum sagte der Prophet des Islam, dass die Toleranz eine Position im Islam einnimmt, die den anderen Pflichtgeboten ebenbürtig und daher für die Muslime obligatorisch ist: "Uns, den Propheten, ist im gleichen Maße befohlen worden, mit den Menschen duldsam umzugehen, wie uns befohlen worden ist, unsere Pflichten zu erfüllen." (Bihar alAnwar, B. 75, S. 53)

Wie Sie sicherlich bemerkt haben, ist hier die Rede von der Toleranz im Umgang mit den Menschen im Allgemeinen, nicht nur mit Gleichgesinnten. Die großen Gelehrten des Islam halten Toleranz nicht nur für eine Folge von Intelligenz, Vernunft und Glaubensstärke, sondern für einen wichtigen Indikator und eine Bedingung für Intelligenz und Glaube.

Imam Ali sagte: "Toleranz mit den Menschen ist ein Zeichen von Vernunft." (Gurar alHikam, B. 2, S. 41) Tolerant zu sein bedeutet also Vernünftigsein. Weiter sagte er: "Der vernünftigste Mensch ist, wer am tolerantesten mit den Menschen ist." (Mustadrak al-Wasa'il, B. 9, S. 39)

Imam alBaqir sagte: "Wessen Mildherzigkeit für ihn zeugt, dessen Glaube zeugt auch für ihn." (alKafi, B. 2, S. 118)

Der Prophet des Islam erklärt die Toleranz grundsätzlich zur sprudelnden Quelle des Guten und die Intoleranz zum Ursprung des Bösen: "Wem die Mildherzigkeit verwehrt bleibt, dem bleibt alles Gute verwehrt." (alGami' asSagir, B. 2, S. 655)

In dem Maße, wie die Toleranz in der Gesellschaft eine konstruktive Rolle spielt, spielt auch Aggressivität darin eine destruktive Rolle. Deshalb muss gesagt werden, dass Toleranz, nicht nur eine moralische Aufgabe und Verpflichtung darstellt, sondern ihr wohnt ein individuelles und soziales Erfordernis mit schlichtender Wirkung inne.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Toleranz im Islam ein religiöses Fundament, ein heiliges Gut bildet. Dennoch weisen wir nochmals darauf hin, dass sich der Glaube an die Toleranz von der Unterdrückung und dem Verzicht auf die eigene Überzeugung unterscheidet. Toleranz ist ein Prinzip, das gewährleistet, dass der Islam bei der Begegnung mit Leuten, die etwas gegen religiöse Identität und gesellschaftliche Anrechte haben, niemals schweigen muss, sondern zu einer angemessenen Antwort fähig ist.

Im Koran lesen wir: "Wer euch angreift, den greift in gleicher Weise an, wie er euch angegriffen hat." (Sure alBaqara (2), Vers 194)
Dies ist eine hinderliche Methode, die im Falle der Ausweglosigkeit angewendet wird, unter der Voraussetzung, dass einige Personen aus der Gemeinschaft der Muslime sich diese Ausnahmeregelung nicht zunutze machen, um Unheil anzurichten.

An anderer Stelle sagt der Koran: "Die gute Tat ist der schlechten Tat nicht ebenbürtig; begleiche mit dem, was am besten ist, dann wird jemand, der mit dir verfeindet ist, wie ein gütiger Freund zu dir sein." (Sure Fussilat (41), Vers 34)

Um sicherzustellen, dass allen Menschen eine Lektion in Geduld und Toleranz mit ihren Gegnern erteilt wird, greift Gott im Koran auf ausgezeichnete Beispiele aus dem Verhaltensmuster eines vollkommenen, gläubigen Menschen, nämlich das des Propheten, zurück. Nach der Verdeutlichung, dass die Religion und ihre Befolgung nicht zwingend sind, fordert Gott die Verständigen auf, die Religion auf rationale Weise kennen zu lernen und zu erforschen, und lobt jene, die das Beste davon annehmen.

Wenn sich jedoch das, was sich die Anderen nach dem Erkunden der Religion davon ausgewählt haben, von der Religion des Propheten unterscheidet, so begegnet er ihnen mit Respekt und Toleranz und sagt: "Lebe du auf der Grundlage deiner eigenen Religion, und ich werde auf der Grundlage meiner eigenen Religion leben." Darüber hinaus lädt er sie in Fällen, in denen er Analogien zwischen seiner Religion und der der Anderen sieht, zu Zusammenarbeit und friedvoller Eintracht ein. Und unter Vermeidung von Vollkommenheitsansprüchen und Verabsolutierung beschränkt er die jenseitige Errettung nicht allein auf die Muslime, sondern charakterisiert sämtliche Religionen als Inhaber dieser Möglichkeit und Auszeichnung.

Um jegliche Intoleranz im Islam auszumerzen, spricht Gott im Koran zu dem würdigsten und ruhmreichsten muslimischen Menschen, Seinem Gesandten:

"Und dank Gottes Barmherzigkeit bist du höflich zu ihnen; denn wärest du unfreundlich und hartherzig zu ihnen, würden sie sich von dir abwenden." (Sure Al 'Imran (3), Vers 159)

All dies sind hervorragende Beispiele, die die Muslime zu positiver und hochgeschätzter Toleranz auffordern, nicht zu negativer und gering geschätzter Toleranz. Deshalb, wie wir gesagt haben, erlaubt der Islam den Muslimen niemals, Tyrannen und Heuchlern nachzugeben und Toleranz entgegenzubringen. Aus diesem Grund muss auch gesagt werden, dass der Islam zwar jede legitime Toleranz untermauert, aber jede illegitime Toleranz, d. h. Scheintoleranz, ablehnt, was der persische Dichter Sa'di folgendermaßen auszudrücken pflegte:

Härte und Sanftmut sind miteinander,
Wie der Schnitt eines Arztes dich heilt.

Die erste Kategorie (legitime Toleranz) ist konstruktiver Natur, und die zweite Kategorie (illegitime Toleranz) ist destruktiv und fördert das Verlangen danach, die vom Islam unterstützten Formen von Toleranz falsch zu interpretieren.

Die Vereinten Nationen, Toleranz und Aggression

Bedauerlicherweise ist die Scheußlichkeit der Aggressivität in der Welt von heute dermaßen klar, dass selbst die von dieser Krankheit Infizierten stets bemüht sind, ihren eigenen aggressiven Verhaltensweisen mit demagogischen Untertönen und plausiblen, rationalen, moderaten und legalen Erscheinungsbildern einen schönen Glanz zu verleihen. Und leider haben wir in unserem Zeitalter nicht wenige Beispiele dieser Sorte.

Mir scheint, dass die Zeit gekommen ist, da die Menschheit durch Reife und Kenntnis ein geeignetes Verhaltensmuster entwickeln kann, damit die Menschen trotz aller vorhandenen Unterschiede in die Lage versetzt werden, im Rahmen der Gesetze ein auf "Menschlichkeit" und "Zivilisiertheit" basierendes, friedvolles Leben miteinander zu führen. Die praktischste Form der Umsetzung dieses Wunsches bestünde darin, dass wir die Menschen, je nach Freund oder Feind, nicht in Klassen aufteilen. Wir sollten akzeptieren, dass die Rechte, zu welchen die Menschen kraft ihrer Bemühungen und Anstrengungen gelangen, im Vergleich zu den absoluten Rechten zwar nicht perfekt sind, aber dennoch im Diesseits und im Jenseits im Vergleich zu den aufgezwungenen Rechten nützlicher sind.

Heutzutage ist das schlimmste Zeugnis für Aggressivität die Intoleranz gegenüber dem Verstehen der Menschen, und noch schlimmer als das ist es, sie vor dem Verstehen und Begreifen von etwas auszuschließen, was sogar noch abscheulicher ist als jede Enthauptung. Denn die Geschichte bezeugt, dass jede Aggression aus eben diesem Ausgeschlossensein entsteht. Darum darf man Toleranz nicht als Verzicht auf die eigenen Überzeugungen und die eigene Identität auffassen.

Krieg ist das authentischste und schrecklichste Beispiel für Intoleranz. Wir wissen nicht, aufgrund welcher Faktoren und anhand welcher akzeptablen Beweise eine Gemeinschaft zu Waffen greifen sollte, um Toleranz zu etablieren.

Man darf in unserer Zeit nicht zulassen, dass manche Leute mit einer unrichtigen und verkehrten Auffassung bedächtig daran arbeiten, dass Toleranz zur Aufgabe der Schwachen wird und nicht zu der der Starken. Wenn die Starken eines Tages den Schwachen einen Schlag zufügen, müssen die Schwachen Toleranz beweisen! Weigern sie sich oder wollen Fundamentalisten oder gar Terroristen sein, werden sie in beiden Fällen attackiert und von wilden PropagandaBombardements heimgesucht, und eine Katastrophe würde über sie hereinbrechen, bis dass sie an sich selbst zu zweifeln beginnen und schließlich sich selbst verachten.

Auf jeden Fall müssen sich alle anstrengen, ein tolerantes Individuum zu werden oder eine tolerante Gesellschaft zu realisieren. Mahatma Gandhi hat dies so formuliert: "Eine menschliche Gesellschaft kann es nur geben, wenn diese von den Werten Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Toleranz und Nächstenliebe getragen und geordnet wird."

Dies ist eine absolute Bedingung für ein friedvolles Zusammenleben der Menschen. Und es ist unsere einzige Chance. Wird sie der Menschheit genommen, träfen Romain Rollands (1866-1944) Worte zu:

Falls diese Hoffnung (Toleranz)
verginge, bliebe nichts als wilder Kampf.

Die normgebenden Schriften der Religionen beinhalten die reinsten und schönsten Muster und Modelle für eine Toleranz, die auf Anerkennung und Dialog fußt. Deshalb lautet ihre prinzipielle Devise im Umgang mit ihren Gegnern:

Unser Feind soll selig sein
Lang soll er leben in dieser Welt.
Wer einen Dorn stellt in unseren Weg,
So wird unser Dorn zu Blumen auf seinem Weg.

Quelle:
© Institut für Human- und Islamwissenschaften e.V.
Dialog Zeitschrift für Interreligiöse und Interkulturelle Begegnung
Jahrgang 3 • Heft 5 • 1. Halbjahr 2004

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