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Offene Frage "Religion"

 

 

 

Dr. M. Razavi Rad 

 

   Man kann alle Menschen, gleich welche Denkstruktur sie haben, in zwei Gruppen einteilen, und zwar in die Gruppe derjenigen, die alles hinterfragen, und in die Gruppe derjenigen, denen das in Frage stellen fremd ist und die davor zurückscheuen. Für Philosophen und Denker, die die menschliche Wahrheit herauskristallisieren wollen, ist diese Scheu vor Fragen gleichbedeutend mit einer Flucht vor sich selbst. Wer denkt über seine auf einer bestimmten Lebensweise basierenden Einstellungen und Meinungen nach, die letztlich das Verhalten bestimmen? Wer überlegt, ob sein Verhalten richtig oder falsch ist? Kann man das Verhalten argumentativ als richtig rechtfertigen? Woher kommt die jeweilige Denkstruktur? Basiert sie auf vernünftiger und wissenschaftlicher Kenntnis, oder wurde sie einfach übernommen, ohne sie kritisch zu hinterfragen? Vielleicht war es Ihnen bislang auch nicht wichtig, wie Sie zu diesem Verhalten kamen. Möglicherweise waren Sie so mit der Alltäglichkeit des Lebens beschäftigt, dass Sie über diese Fragen nicht nachgedacht haben. Wenn man z. B. bei jemandem in Glaubensfragen kritisch nachfragt, beginnt er erst über die Frage nachzudenken oder er schaut den Fragenden ob seiner Frage böse an. Welche Bedeutung hat für sie das Hinterfragen von Dingen, und inwieweit versuchen solche Menschen, Dinge auf der Basis von Logik und Vernunft zu verstehen? Der Mensch findet keine Ruhe, wenn er auf seine Fragen keine logischen Antworten findet.

 

   Kurzer Überblick über die Geschichte des Fragens im Westen

   Die wichtigste und bedeutendste Frage der Religionsphilosophie sucht zu klären, wie man seinen religiösen Glauben und seine religiösen Einstellungen auf ein logisches und argumentatives Denksystem gründen kann. Die Philosophen akzeptieren den religiösen Glauben und selbst den Glauben an Gott nicht kritiklos. Dies wird im Westen als evidentialistische Herausforderung bezeichnet. So hat Anatol Franz gesagt, sein Rücken habe sich unter Fragezeichen gebogen.

   Leo Tolstoi, der sich ernsthaft mit der Kultur des Hinterfragens konfrontiert sah, sagte, dass ihm nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen, Antworten auf seine Fragen zu finden, das Leben sinnlos erschien. Die Epoche der Aufklärung hat vielen Menschen zu einer Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit verholfen.

   Im Hinblick auf religiöse Angelegenheiten, die mit Logik und Ratio begründet werden, gibt es im Westen unterschiedliche Theorien. John Locke betonte die Bedeutung der Erfahrung. Einige Denker wie David Hume, Bertrand Russell, Rudolf Carnap und viele andere haben sich nicht mit der Frage der Religion befasst und das Prinzip der Religion geleugnet. Kierkegaard und Wittgenstein haben versucht, den Sinn der Religion logisch und argumentativ darzustellen, weil sie davon ausgingen, dass der Mensch des Glaubens bedarf. Kant und William James räumten dabei der praktischen Vernunft den Vorzug ein vor der theoretischen Vernunft. Der Rationalismus hat sich in eine moderate und eine extreme Richtung entwickelt, die beide Anhänger fanden.

   Wie bereits erwähnt liegt es in der Natur des Menschen, Dinge in Frage zu stellen und folglich sieht sich jeder Mensch damit konfrontiert, aber der erste westliche Denker, der sich intensiv und wissenschaftlich damit befasst hat, war John Locke. Er suchte bei der Kirche nach Antworten auf seine Fragen und nach Beweisen und lehnte es ab, dass die Kirche von den Gläubigen Glauben ohne jegliche Beweise und Begründungen einforderte. Er hat die Gruppe der Gotterfüllten kritisiert, die unabhängig davon, ob man für den Glauben Beweise sucht oder nicht, ihr ganzes Wesen als mit Gottesliebe erfüllt ansahen. Die Gotterfüllten bejahen das Missionieren und die Verbreitung ihrer religiösen Begeisterung für Gott. Und sind der Ansicht, dass man den Menschen keine Beweise liefern muss, sondern dass diese einfach akzeptieren und glauben sollen. Locke sprach sich nicht gegen Offenbarungen allgemein aus, aber er lehnte die Forderung nach bedingungsloser Akzeptanz ab und forderte deshalb Beweise und rationale Argumente für ihre Ansichten, weil seinem eigenen Gottesbild zufolge Gott den Menschen niemals ohne Beweis zu etwas verpflichtet.

   Die von Locke und Hume gegen den Dogmatismus vorgebrachten Ansichten haben Kant veranlasst, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen. Kant hat von sich selbst gesagt, Hume habe ihn aus dem Schlaf des Dogmatismus erweckt, und er entwickelte eine kritische Sichtweise von der Metaphysik und war der Meinung, dass die theoretische Vernunft in der Beweisführung metaphysischer Fragen nicht genüge. Er hat folglich von der praktischen Vernunft gesprochen, um auf diesem Wege religiöse Thesen mit Logik und Vernunft zu beweisen und letztlich auch das Wesen Gottes. Nach Kants Ansicht kann man aufgrund ethischer Notwendigkeit mittels der Vernunft zum Wesen Gottes gelangen, weil die Welt der Moral die Welt der Vervollkommnung und der Vollkommenheit ist und Gott als Symbol der Vollkommenheit eine logische Notwendigkeit ist.

   Die Zeit zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert kann man als Epoche der Entfremdung zwischen Religion und Vernunft bezeichnen. Viele Denker und Philosophen haben aufgrund der Nichtüberprüfbarkeit religiöser Aussagen die Logik der Religion in Frage gestellt. Ich glaube an die Notwendigkeit der Fragestellung im Sinne einer Wissenserweiterung des Menschen, die ihm hilft, Entscheidungen zu treffen, und ohne die sein Verhalten nicht vernünftig ist. Ich stehe einer Frage positiv gegenüber, wenn sie wissenschaftlich und logisch begründet ist. Die heftige Reaktion von Denkern wie Marx, Nietzsche, Kierkegaard und anderen auf alle religiösen Ideen und die Offenbarung und ihre Kritik an der Metaphysik resultiert meiner Meinung nach aus der Tatsache, dass Hegel die Logik der Religion, des religiösen Glaubens und der Metaphysik nicht hinreichend erörtert hat. Deshalb sehen wir hier, dass diese Denker den religiösen Gedanken Hegels und nicht die Religion allgemein kritisiert haben.

   Wenn man etwas in Frage stellt ist dies der menschlichen Gesellschaft und der Kreativität dienlich. In diesem Sinne sind die Marx'sche Sichtweise von der Religion, die ihn letztlich zu dem Urteil führte, Religion sei Opium für das Volk, wie auch die Ankündigung des Endes der Metaphysik durch Nietzsche oder die heftige Reaktion Kierkegaards auf den Idealismus, der religiösen Thematik insgesamt nützlich, weil die religiösen Ansichten gründlicher diskutiert und der religionsphilosophische Diskurs vertieft wurden. Die geistige Auseinandersetzung mit den offenen Fragen der Religion hat zwei unterschiedliche Gruppierungen entstehen lassen:

  • Die Gruppe derjenigen, die die Religion nicht anerkennen, weil sie nicht überprüfbar ist.

  • Die andere Gruppe - mit Wittgenstein als Hauptvertreter - ist der Meinung, dass religiöse Aussagen aufgrund ihrer Bedeutung für das menschliche Leben und die Gesellschaft nicht der wissenschaftlichen Überprüfung und Rechtfertigung bedürfen, weil sie auch ohne wissenschaftliche Überprüfung anerkannt und gültig sind; dies impliziert jedoch nicht, dass die religiösen Aussagen nicht zu rechtfertigen sind.

 

   Sichtweise der christlichen Theologen

   Wie die Theologen der anderen himmlischen Religionen sahen sich auch die christlichen Geistlichen mit dem Hinterfragen der Religion konfrontiert. Die Frage lautete, wie man an eine unüberprüfbare Metaphysik und einen unvorstellbaren Gott glauben kann, wie der Mensch sein Verhalten und seine Beziehungen zu den Mitmenschen danach ausrichten und die Gesamtheit seiner Überzeugungen darauf gründen kann. Hinter dieser Frage steht keine Ablehnung, sondern vielmehr geht es um die Beziehung des irdischen Menschen zum immateriellen Phänomen Gott. Die christlichen Theologen haben diese Frage weitgehend ignoriert und nicht ausführlich genug behandelt, um eine Antwort darauf geben zu können. Sie haben sich mit der Antwort zufrieden gegeben, dass der Glaube über Vernunft und Beweisführung hinausgeht und Gott vom menschlichen Verstand allein nicht erfasst werden kann und es folglich keinen anderen Weg gibt als durch Jesus zu Gott zu gelangen, weil Gott in Jesus erschienen ist. Auch Schleiermacher, neoorthodoxe und christliche Existenzphilosophen wie Kierkegaard, und auch Wittgenstein sind ähnlicher Meinung; ob jedoch die Antwort die moderne Philosophie und zeitgenössische Wissenschaft zu überzeugen vermochte, ist eine andere Frage.

 

   Extremer Rationalismus

   Der denkende Mensch wurde mit vielen derartigen Fragen konfrontiert und musste darauf eine überzeugende Antwort finden. Diese Tatsache hat viele Denker zu einem extremen Rationalismus geführt. Sie haben versucht, diese Fragen und vor allem anderen die Frage nach dem Wesen Gottes zu beantworten und mit Beweisen zu belegen. Ihre Argumente gründeten sie auf selbstverständliche Prämissen, und diese haben sie mit der Ansicht verbunden, dass jeder, der über ein wenig Verstand verfügt, von diesen Argumenten überzeugt sein wird und, wenn ihn diese Argumente nicht überzeugen oder er mit der Antwort unzufrieden ist, das Problem bei ihm selbst liegt und nicht bei den religiösen Argumenten. Diese Argumentationsweise machte viele Menschen unzufrieden, und sie lehnten einen solchen Dogmatismus ab. Deshalb muss man bei der Beantwortung solcher Fragen die Denkstruktur der angesprochenen Menschen berücksichtigen, weil man ansonsten keine überzeugende Antwort geben kann. Es gibt z. B. viele Gottesbeweise von islamischen Philosophen, wie Mulla Sadra, dessen Beweis als "wahrhaftiger Beweis" bekannt ist, oder von Mystikern oder z. B. von Ibn Sina, der in seinem Buch "Iparat" von der Regel der unendlichen Verkettung spricht, die von anderen Philosophen wie z. B. Abu Muhammad al-5azali in Verbindung mit Ordnung akzeptiert wird, d. h. eine unendliche Verkettung, die auf keiner Ordnung basiert, wird als unmöglich angesehen, und auch die Mathematiker akzeptieren diese Regel nicht. Wenn die Glieder der Verkettung eine Ordnung haben und gegenwärtig sind, wie z. B. die Zeit, deren Wirklichkeit nach und nach offenbar wird und mit der Erscheinung eines Teils ein anderer Teil verschwindet, stellt sich die Frage, warum in solchen Fällen eine Regel der Verkettung unmöglich sein sollte.

   Für jemanden, für den die Zahl das ursprüngliche Element und die Grundlage seiner Vorstellungen ist, ist diese Regel der Verkettung nicht akzeptabel, denn wie sollte er mit dieser Regel zu einem Ergebnis kommen. Wenn derartige Regeln versagen, bedeutet das aber nicht, dass das Wesen Gottes in Frage gestellt wird. Wir suchen nach einer Interpretation der Erkenntnis aus den Antworten, die für uns bei offenen Fragen eine Schlüsselfunktion einnehmen. Man könnte z. B. fragen aus welcher Notwendigkeit heraus religiöse Angelegenheiten auf der Grundlage der Erkenntnistheorie bewiesen werden sollen, die von Philosophen wie N. R. Hanson, Quine oder Wilfried Sellars nicht anerkannt wird? Beantwortend kann man sagen, dass die Erkenntnistheorie von einigen anerkannt wurde, während andere versuchen sie weiterzuentwickeln.

 

   Moderate Letztbegründungstheorie

   Meine Bemühungen zielen darauf ab, für alle akzeptable Antworten zu finden, auf denen die religiöse Interpretation aufbauen soll. Wie kann man die Erkenntnistheorie, die auf geistigem Bemühen und auf Kenntnis basiert, für ungültig erklären und nicht anerkennen und wie kann man die religiösen Dinge vernünftigen Menschen erklären ohne sie zum Dogmatismus zu führen? Argumente und Beweise allein reichen nicht aus. Vielmehr müssen sie auf die Bedürfnisse der gläubigen Menschen ausgerichtet sein, damit man die religiöse Kultur argumentativ voranbringen kann. Wie könnte man sonst wie bei David Hume auf der Grundlage von Experimenten Gott beweisen?

   Wenn man die religiösen Aussagen der experimentellen Methode unterwirft, ist man nach Ansicht der Vertreter der Experimentalwissenschaft dem Beweisen und Erklären dieser Aussagen einen Schritt näher gekommen.

   Vernünftige Fragen erfordern vernünftige Antworten, und wenn man diese beiden Aspekte nicht berücksichtigt, ist eine vernünftige Forschungsarbeit nur schwer möglich. Es wird für religiöse Aussagen keine Akzeptanz geben, wenn sie nicht logisch und vernünftig dargelegt werden. Es gilt, die klare Argumentation mit innerer Akzeptanz zu verbinden.

 

   Zum Vorschlag der Letztbegründungstheoretiker

   Eine andere Methode, den fragenden Menschen Antworten zu geben ist eine besonders von Descartes und Locke entwickelte Methode. Alvin Plantinga hat versucht, diese Fragen in einer einfachen und dennoch wissenschaftlichen Art und Weise zu beantworten und zwar in Form einer logischen Analyse der religiösen Aussagen. Er ist der Meinung, dass viele religiöse Aussagen, die er als Grundüberzeugung bezeichnet, keiner Prämissen und Beweise bedürfen. Für Locke und Descartes bedarf die mathematische Aussage 2+2=4 keines Beweises, und derartige religiöse Aussagen gibt es in der Religion zur Genüge. Plantinga akzeptiert im Unterschied zu Locke und Descartes die Grundüberzeugung als selbstverständliche Annahme nicht und stellt sogar das Rechenbeispiel 2+2=4 in Frage. Ihm zufolge sagt die Selbstverständlichkeit eines Phänomens nichts über dessen Richtigkeit oder Falschheit aus. Er vertritt die Ansicht, dass die Aussage "Gott existiert" zu den Aussagen gehört, die man nicht hinterfragen muss und die keiner Rechtfertigung und keines Beweises bedürfen. Kann man behaupten, dass bestimmte Aussagen nicht bewiesen werden müssen? Braucht man Beweise und Argumente, wenn man z. B. mit der Aussage "der Spatz sitzt auf dem Baum" konfrontiert wird?

   Für Plantinga ist die Aussage, dass Gott existiert eine Grundwahrheit und erfordert keine Beweise. Einzig die induktive Schlussfolgerung macht nach Plantinga deutlich, ob man für eine Aussage Beweise braucht oder nicht. Es ist keineswegs so, dass wir einige Bedingungen für Grundüberzeugungen festlegen können, und wir dann jede Aussage, bei der wir diese Bedingungen erfüllt sehen, als Grundüberzeugung akzeptieren können. Plantinga wurde deshalb mit der Frage konfrontiert, warum man nicht jede Aussage akzeptieren sollte, die als Grundüberzeugung erklärt wird, wenn die induktive Schlussfolgerung als einzige Möglichkeit angesehen wird, zu Grundüberzeugungen zu gelangen. Nach Plantingas Ansicht kann man mittels ein wenig Nachdenken den Unterschied schnell erkennen kann, und dabei bezieht er sich auf Calvin, der sagte, dass wir die Gotteshand durch eine geheime Stimme, die in unserem Inneren ruft, erkennen können, wie aber sollen wir daran glauben, dass der Kürbis in der letzten Oktobernacht auf dem Acker zu sehen ist?¹

   Plantinga schlägt eine weitgehend induktive Methode vor, d. h. wir sollten rationale Grundüberzeugungen (d. h. Überzeugungen, die nicht auf der Grundlage anderer Überzeugungen aufbauen) untersuchen und von diesen Beispielen können wir einige Hypothesen über das Wesen von Grundüberzeugungen entwickeln. Allerdings impliziert der fehlende Maßstab für die Bestimmung einer Grundüberzeugung nicht, dass es keine echten Grundüberzeugungen gibt und dass der Glaube an Gott keine Grundüberzeugung ist.

   Hier werden die Grenzen des Denkansatzes von Plantinga deutlich. Denn mit der Argumentation, der Glaube an Gott sei eine Grundaussage, kann jede beliebige klare Aussage zu einer Grundaussage erhoben werden ungeachtet dessen, ob andere diese akzeptieren oder nicht.

   Diese Methode bringt uns also nicht weiter, denn wir wissen, dass Annahmen von zweierlei Art sind, nämlich zum einen intuitiv, d. h. keines Beweises bedürftig, und zum anderen theoretisch, d. h. auf Lernen, Nachdenken und Beweisen basierend. Die Aussage "es gibt einen Gott" gehört entweder zu den abgeleiteten Aussagen oder zu den grundlegenden Aussagen; eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Wenn Plantinga mit der Grundüberzeugung die inneren Wahrnehmungen meint, ist dies richtig, weil ein Bezeugen (direktes Sehen), das auf Gewissheit basiert, akzeptabel ist. Es gibt viele große religiöse Persönlichkeiten, die mittels direktem Sehen das Ziel erreicht haben. Mulla Hadi Sabzawari, ein großer Mystiker und Philosoph sagte beispielsweise: "Die Intensität Deiner Erscheinung, o Gott, hat Dich verborgen. Dein Inneres und Dein Äußeres sind in Wirklichkeit offenbar."

   Oder im Qur'an, in Sure Ibrahim, Vers 10, heißt es: "... ,Existiert etwa ein Zweifel über Gott, den Schöpfer der Himmel und der Erde?'..."

   Von Imam Husayn (der Friede sei mit ihm) ist folgender Ausspruch überliefert: "Blind ist das Auge, das Dich nicht sieht!"

   Wir wissen allerdings auch, dass wir auf Beweise und logische Schlussfolgerung nicht verzichten können, auch wenn das direkte Sehen im Zusammenhang mit der inneren Wahrnehmung richtig ist. Die Geschichte der Religion zeigt uns, dass überall dort, wo aus welchen Gründen auch immer kritisches Hinterfragen nicht möglich war, die Menschen ihre Kreativität eingebüßt haben und der gesellschaftliche und zivilisatorische Fortschritt gehemmt wurden.

   Nun kann man die Frage stellen, welche Bedeutung die Religion dem Hinterfragen oder Nachfragen zumisst. Warum sind viele religiöse Menschen und auch Gesellschaften allgemein nicht daran interessiert, Fragen zu stellen?

   Es ist ein dem Islam inhärentes und allgemein bekanntes Merkmal, dass alle Fragen, gleich in welchem Bereich, zulässig sind. Wenn die Fragen z. B. nicht zu den Grundlagen des Glaubens vordringen, kann man diesen nicht logisch darstellen und interpretieren. Die Geschichte lehrt uns, dass die Propheten und Imame an ernsthaften Fragen interessiert waren. War Adam (der Friede sei mit ihm) etwa kein neugieriger Mensch? Hat er keine Fragen gestellt? War der letzte Prophet, Muhammad (Gottes Segen sei mit ihm und seiner Familie), nicht an Fragen über den Sinn der Religion usw. interessiert? Hat Imam 'Ali (der Friede sei mit ihm) nicht immer gesagt: "Fragt mich, so lange ich unter euch weile." Heißt es im Qur'an denn nicht: "... Gib denn die frohe Botschaft Meinen Dienern; es sind jene, die auf das Wort hören und dem besten von ihm folgen..." (Sure az-Zumar, Verse 17 und 18).

   Selbstverständlich ist der Islam ein Ideenkomplex, ein Glaube, mit dem man sich auseinander setzen muss, und wenn man diese Auseinandersetzung bewältigt hat, dann hat man die Möglichkeit der Wahl: "Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen..." (Sure al-Baqara, Vers 256).

   Angst vor Fragen haben jene, die im Inneren ihres Wesens unsicher sind; aber die qur'anische Logik ist nicht mit Schwäche oder Unsicherheit in Zusammenhang zu bringen. Der Qur'an führt den Menschen durch rationale Argumentation und logische Beweise auf den rechten Weg. Er verlangt vom Menschen, dass er seine Vernunft gebraucht und über die göttliche Offenbarung nachdenkt. Wer mit der religiösen Kultur vertraut ist, weiß genau, dass ihr Zwang, Willkür, Fatalismus und blinde Nachahmung fremd sind. Grundsätzlich liegt ein großer Unterschied zwischen dem Islam und den anderen Religionen darin, dass der Islam Wissen als notwendiger Bestandteil des Glaubens ansieht. Gott fordert vom Menschen, dass er sich auf keinen Weg aufmachen soll, den er nicht genau kennt. Wie könnte Gott als Symbol der Allwissenheit Menschen zu sich einladen und Ihnen gleichzeitig gebieten, nichts zu hinterfragen? Der religiöse Mensch ist vielmehr verpflichtet, die islamischen Prinzipien zu erforschen. Jeder Muslim soll die Grundlagen der islamischen Weltanschauung studieren und sich mit ihnen auseinander setzen. Wie schön hat dies Imam 'Ali zum Ausdruck gebracht, wo er für jene, die Fragen stellen betet: "Woher kommen sie? Warum sind sie hier? Und wohin gehen sie?" Das ist der Prozess der Entwicklung und des Fortschritts.

   Nun könnte man die Frage aufwerfen, warum der Islam, der sich gegen Fatalismus, Willkür und Zwang richtet und sich als eine fortschrittliche Religion sieht, die überall und jederzeit praktizierbar ist, mit kritischen Menschen und Querdenkern seine Probleme hat? Die Antwort ist klar: es gilt zu differenzieren zwischen der Religion und dem religiösen Menschen. Es gibt viele Menschen, die sich mit der äußeren Erscheinungsform der Religion beschäftigt haben und darüber die innere Wirklichkeit der Religion vernachlässigt haben. Es gibt viele Menschen, die ihre religiösen Ansichten als für alle Menschen gültig ansehen. Diese Menschen haben nicht nur die anderen sondern sich selbst von der Wahrheit und den neuen Erkenntnissen der Religion abgehalten. Solche Menschen gibt es in jeder Gesellschaft, und sie sind für sich selbst verantwortlich. Fragen haben in der Religion den tiefen Sinn, gleich einer sprudelnden Quelle Kreativität, Erneuerung, Entwicklung und Fortschritt hervorzubringen, und die religiöse Existenz erblüht, wenn sie in dieser Sichtweise wurzelt. Die Vorstellungen von der Religion und die Bedürfnisse des Menschen sind der zeitlichen Veränderung unterworfen. Stets werden wir mit einer neuen Welt konfrontiert, und diese neue Welt braucht neue Gesetze, neue Fragen, neue Antworten und sogar eine neue Atmosphäre. Wenn zwei Tage im Leben eines Menschen völlig identisch sind und keinerlei Veränderung erfahren, dann hat er zumindest einen Tag verloren. Es ist selbstverständlich, dass jede neue Erscheinung mit neuen Fragen einhergeht. Für jede neue Situation müssen neue, vernünftige und logische Antworten gefunden werden, und deshalb sollte man nicht sagen, wenn es keine neuen Fragen gibt, gibt es auch keine neuen Aufgaben! Unsere großen Persönlichkeiten waren deshalb neugierig auf neue Fragen und manchmal haben sie bewusst neue Fragen gestellt, um dadurch die religiöse Masse aus dem Schlaf der Nachlässigkeit zu wecken.

   Der Qur'an erzählt uns die Geschichte von Abraham (der Friede sei mit ihm), der alle Götzen zerschlägt und dann seine Axt dem größten und einzig noch verbliebenen Götzen in die Hände legt. Mit dieser Tat wirft er neue Fragen auf: entweder müssen die Menschen akzeptieren, dass der große Götze die kleinen zertrümmert hat, oder aber, wenn sie dies nicht akzeptieren, müssen sie eingestehen, dass der Götze ohnmächtig war und dies nicht verhindern konnte. Mit derartigen Fragen wurden viele Menschen aus dem Schlaf der Naivität und der Unwissenheit geweckt und dem wahren Gott und Schöpfer näher gebracht. Wenn religiöse Institutionen neue Fragen nicht akzeptieren können, wie stehen sie dann zu Menschen wie Abraham? Abraham zeigt uns unsere menschliche Verantwortung auf, nämlich den Weg der Aufklärung zu beschreiten und tapfer auf die Suche nach der Wahrheit zu gehen. Man sollte nicht alles mit dem Argument rechtfertigen, es sei gefährlich. Abraham ist unser Vorbild. Wenn sich die Methodologie der Religion nicht weiterentwickelt, wird die Religion ihre Funktion in der Gesellschaft verlieren, und das ist das bittere Schicksal der Religion im Westen. Die Religion ist im Westen heute eine Randerscheinung; sie ist am gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Geschehen nicht wirklich beteiligt. Wenn die religiösen Akteure ihre Verantwortung und Erneuerung nicht vernachlässigt hätten, wäre die Religion heute nicht in dieser Situation. Wie kann man von den Menschen verlangen, dass sie religiöse Gebote und Verbote und die religiöse Wahrheit insgesamt annehmen, wenn sie diese nicht verstanden haben?

   Gott, als Schöpfer des Menschen, lädt ihn zum Nachdenken ein und stellt in seinem Buch neue Fragen für die Menschheit. Das Buch Gottes, der Qur'an, stellt sich selbst vor mit neuen Fragen, neuen Antworten und einer neuen Art der Argumentation, wie aus allen Versen des Qur'an deutlich wird. ".. ,Sind solche, die wissen, denen gleich, die nicht wissen?'..."
(Sure az-Zumar, Vers 9).

   "Meint der Mensch etwa, er würde sich selbst überlassen sein?"
(Sure al-Qiyama, Vers 36).

   "O ihr, die ihr glaubt, soll Ich euch (den Weg) zu einem Handel weisen, der euch vor qualvoller Strafe retten wird?"
(Sure as-Saff, Vers 10).

   Wie kann diese göttliche Veranlagung des Menschen, durch neue Fragen und Antworten Gott besser zu erkennen, vernachlässigt werden? Wie kann ein Mensch anderen Menschen verbieten, sich mit neuen Fragen über die Religion auseinander zu setzen? Diese Sichtweise, wonach die religiösen Aussagen und das Hinterfragen und Nachfragen einander fremd sind, ist einer vernünftigen, zeitgemäßen und überzeugenden Antwort nicht nützlich und sogar falsch und ist mit dem Wesen und der Logik der Religion nicht vereinbar. Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass es wichtig ist zu differenzieren zwischen der Religion, die wir von unseren Vorvätern übernommen haben und der Religion, die wir selbst durch unser geistiges Bemühen erkennen. Erstere ist schwach und zerbrechlich und letztere innovativ und fortschrittlich.

Dr. M. Razavi Rad
Direktor des Instituts für Human- und Islamwissenschaften

 

 

Quelle:
© Institut für Human- und Islamwissenschaften e.V.
Dialog - Zeitschrift für Interreligiöse und Interkulturelle Begegnung
Jahrgang 1 • Heft 1 • 1. Halbjahr 2002


1. In den USA gibt es eine populäre Kindergeschichte, in der ein Kind glaubt, dass jedes Jahr, Ende Oktober, auf dem Kürbisfeld ein großer Kürbis erscheint. Es geht also in der besagten Nacht zum Kürbisacker und wartet auf den großen Kürbis. Kritker Plantingas haben vorgebracht, dass die Argumente, die Plantinga anführt um zu zeigen, dass der Glaube an Gott eine Grundüberzeugung ist, ebenfalls dazu gebraucht werden können, zu zeigen, dass der Glaube an den großen Kürbis eine Grundüberzeugung ist. Denn sicherlich wird jemand, der an das Erscheinen des großen Kürbisses glaubt, im Mondlicht eine Hand oder einen Schatten erkennen und deshalb überzeugt sein, der Kürbis sei anwesend.

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